In den frühen Nachkriegsjahren gab es Streit über öffentliche Festtagsdekoration

Unerbittlich prallten die Fronten aufeinander, der öffentliche Weihnachtsbaum entzweite im November 1950 die Gemüter. Als Hardliner erwies sich Diedrich Steilen, der einflussreiche Vorsitzende des Vereins für Niedersächsisches Volkstum. „Der Weihnachtsbaum ist aus der Familie auf die Straße gebracht worden“, schimpfte der damals 70-Jährige. Wenn überhaupt, dürfe der Weihnachtsbaum erst ein oder zwei Tage vor dem Fest öffentlich zur Schau gestellt werden. Schützenhilfe leistete Lotte Denkhaus, die umtriebige Pfarrersgattin aus dem Bremer Westen. Als innigstes Zeichen einer deutschen Weihnacht müsse der Tannenbaum der Familie vorbehalten bleiben.

Zum Fest ein Pflichtauftritt: Kinder beim Blockflötenspielen am 24. Dezember 1949.
Foto: Otto Lohrisch-Achilles

Gerade einmal fünfeinhalb Jahre nach Kriegsende tobte in Bremen eine ganz andere Auseinandersetzung, eine Art Kulturkampf um die Weihnachtsdekoration im Stadtbild. Erstaunlich schnell hatte sich nach dem letzten „Hungerwinter“ so etwas wie Normalität eingestellt, mit der Währungsreform von 1948 verknüpfte sich eine zaghafte Aufbruchstimmung.

Plötzlich füllten sich die Auslagen der Geschäfte, endlich waren wieder Konsumgüter zu haben, die über die nötigsten Bedürfnisse hinausgingen. Deutlich zu sehen war das in der Vorweihnachtszeit 1949. Aufwändig schmückten viele Geschäftsleute ihre Schaufenster, bereits etliche Wochen vor Heiligabend gesellten sich zwei mächtige Tannenbäume hinzu – einer auf dem Markt, einer auf dem Bahnhofsplatz.

Schon damals sorgte der Weihnachtsrummel für Unmut. Damit der Streit um den Lichterglanz im Folgejahr nicht abermals entflammte, trafen sich die Konfliktparteien frühzeitig vor dem nächsten Weihnachtsfest. „Noch mehr Weihnachtsreklame als im Vorjahr?“ lautete die provokante Fragestellung der Diskussionsveranstaltung am 7. November 1950 in der Glocke.

Gegen die Festschmuckkritiker Steilen und Denkhaus stellte sich Friedrich Erdbrink, Vorsitzender des Werbefachverbandes. Seine listige Argumentation: Tannenbäume öffentlich auszustellen sei als Bestreben zu werten, ein Stück des deutschen Waldes in die Großstadt zu bringen. „Dafür sollte man den Geschäftsleuten dankbar sein.“

Kritik an der Großstadt

Ein geschickter Schachzug. Identifizierten sich die Deutschen doch gern mit ihrem Wald, nicht umsonst avancierte die sprichwörtliche „deutsche Eiche“ zum nationalen Symbolbaum. Den Weihnachtsbaum in diese Traditionslinie zu stellen, gewissermaßen als Naturheilmittel gegen die Fährnisse der Großstadt, darf man getrost als Versuch verstehen, die heimatbewegten Festschmuck-Kritiker mit ihren eigenen Waffen zu schlagen.

Teils vehemente Großstadtkritik gehörte schon im Kaiserreich zum Lieblingsrepertoire der Heimatbewegung, die Steilen repräsentierte – gar nicht erst zu reden von der „Verschandelung“ von Stadt und Land durch Reklame, vor allem Leuchtreklame. Doch was gab es noch zu meckern, wenn man den öffentlichen Tannenbaum als Sendboten aus der unverdorbenen Provinz begriff?

Gegen den Privatgebrauch des geschmückten Baums gab es keine Einwände. Der Zorn richtete sich ausschließlich gegen seine Kommerzialisierung, gegen die Aneignung weihnachtlichen Brauchtums zu rein geschäftlichen Zwecken. Dieses Unbehagen beschränkte sich keineswegs auf konservative Kreise. Im Dezember 1971 erneuerten Juso-Aktivisten um Olaf Dinné die Kritik am vorweihnachtlichen Konsumrausch (mehr dazu hier). Der von dem Designer-Ehepaar Sybille und Fritz Haase ersonnenen Kunstfigur „Kauf“ rammten sie symbolisch ein Messer in den Bauch.

Ungewohnter Anblick: Im Dezember 1957 stand der Weihnachtsbaum noch neben dem Roland.
Quelle: Archiv

Doch seit wann gab es den Weihnachtsbaum eigentlich? In Norddeutschland verbreitete sich diese Sitte gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Zur Weihnachtszeit wurden damals auch in Bremen immer häufiger illegal geschlagene Tannen angeboten. Im städtischen Schriftgut taucht der Weihnachtsbaum erstmals 1806 auf. Stadtchronist Fritz Peters berichtet von einem erzürnten Hastedter, der sich über unerlaubten Baumfrevel beklagte, „um Weihnachtszierrathe für Kinder davon zu machen“.

Im Dezember 1817 untersagte der Rat generell den Verkauf von „sogenannten Weihnachtsbäumen“. Wer sich damit an den Stadttoren blicken ließ, sollte zurückgewiesen werden. Der tiefere Grund: In der ohnedies holzarmen Gegend hatte die wachsende Nachfrage dazu geführt, dass das Nadelholz „in diebischer Weise auf das Frevelhafteste“ verwüstet wurde. Zumal die „Baumschänder“ zumeist auch nur die Kronen kappten. Viel gebracht hat die Anordnung freilich nicht, der Siegeszug des Weihnachtsbaums war nicht zu stoppen.

Auch im Schnoor ließ sich der Weihnachtsmann 1953 blicken.
Foto: Otto Lohrisch-Achilles

Kein Weihnachten ohne Baum

Noch nicht einmal die Nazis wagten es, an der Tradition des Weihnachtsbaums zu rütteln. Als sich der Zusammenbruch schon längst abzeichnete und zahlreiche Beschränkungen auf der Zivilbevölkerung lasteten, blieb die lieb gewonnene Tanne davon unberührt. In Bremen wurden sogar Transportkapazitäten mobilisiert, um jeder Familie einen Weihnachtsbaum zu bescheren. Der Bedarf sei genau berechnet worden, erklärte NS-Kreisleiter Max Schümann. „Die Bäume werden rechtzeitig herankommen“, versicherte er den Bremer Hausfrauen am 18. Dezember 1944 (mehr dazu hier).

Was im Krieg möglich war, durfte im Frieden nicht unmöglich sein. Vor dem ersten Nachkriegsweihnachten 1945 sorgte die Verwaltung dafür, dass insgesamt 35.000 Weihnachtsbäume nach Bremen geliefert wurden. Rund 120 Kleinhändler verkauften sie für einen Stückpreis von bis zu 3,50 Reichsmark. „Der Weihnachtsbaum wird also auch in diesem Jahre in den Bremer Haushaltungen nicht fehlen und vor allem den Kindern Freude bereiten“, lautete die tröstliche Botschaft des WESER-KURIER.

Wie wichtig der Baum zum Fest war, lässt sich unschwer an der Beschaffungskriminalität in den frühen Nachkriegsjahren ermessen. Scharenweise zogen unbescholtene Familienväter in den Stadtwald, um auf eigene Faust zum Fest einen Baum zu schlagen. Man darf annehmen, dass sie geübt darin waren – der chronische Brennstoffmangel ließ zur Winterszeit alle Hemmungen fallen. Der Kahlschlag im Stadtwald nahm dermaßen drastische Formen an, dass der Zutritt am 5. Dezember 1947 verboten wurde.

Heiß begehrte Glühbirnen

Bereits zur ersten Friedensweihnacht sollten stattliche Tannenbäume auch auf öffentliche Plätzen zurückkehren. Zuletzt hatte es das 1938 gegeben, nach Kriegsbeginn fielen sie der Verdunkelung zum Opfer. Das einzige Problem: Die Glühbirnen waren heiß begehrte Mangelware, fast die Hälfte kam im Dezember 1945 abhanden (mehr zu den ersten Nachkriegsweihnachten hier). Um das Übel in den Griff zu bekommen, regte ein Leser des WESER-KURIER an, die Bäume mit reflektierenden Bändern auszustatten und sodann mit Scheinwerfern anzustrahlen.

Zu tumultartigen Szenen kam es 1949 kurz vor dem Fest der Liebe. Zwar hatte sich die Ernährungslage entspannt, niemand musste mehr Hunger leiden. Erstmals seit Kriegsende konnte wieder daran gedacht werden, Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Doch die Feststimmung wurde empfindlich getrübt, als sich zwei Tage vor Heiligabend plötzlich zeigte, dass nicht genügend Bäume für alle da waren. Nach Informationen dieser Zeitung drohten Handgreiflichkeiten. „In einigen Fällen mußte sogar die Polizei zu Hilfe gerufen werden, um wieder Ruhe und Ordnung zu schaffen.“

Auch eine Tradition: der große Weihnachtsbaum am Kopf des Überseehafens.
Quelle: Kulturhaus Walle

Ein großer Weihnachtsbaum am Hafenkopf

Als meine Familie 1956 nach Bremen zog, wohnten wir in der Bürgermeister-Deichmann-Straße. Ich war sechs Jahre alt, als mich mein Vater mitnahm zum Europahafen. Der war nur 15 Minuten Fußweg entfernt. Wir waren dort oft und es war aufregend, die vielen Schiffe und das emsige Treiben zu beobachten. Speziell war es in der Vorweihnachtszeit, wenn am Hafenkopf der große Weihnachtsbaum stand. Dann ging mein Vater auch schon mal nach Einbruch der Dunkelheit mit mir dorthin. Was war das für ein Bild: der beleuchtete Weihnachtsbaum, die vielen Lichter im Hafen. Unvergessen. Später fuhren wir auch mal zum Überseehafen, dort stand ebenfalls ein Weihnachtsbaum (Gerd Monsees).

Ungetrübt war die Freude am Weihnachtsbaum nur, wenn er im eigenen Wohnzimmer stand. In der Öffentlichkeit war das Nadelgehölz nicht von jedermann gern gesehen.
Foto: Hans Saebens

Von Anbiet bis Zuckerklatsche

„Erst der Hafen, dann ist die Stadt“

Im Magazin „Erst der Hafen, dann ist die Stadt“ über Bremen und seine Häfen gehen wir in vielen historischen Bildern auf Zeitreise durch die maritime Vergangenheit unserer Hansestadt. Wie entwickelten sich die Häfen in Bremen vom Mittelalter bis heute? Wie sah die Arbeit zwischen Ladeluke, Kaje und Schuppen aus? Was hatte es mit den Anbiethallen auf sich? Und wie veränderte die Containerschifffahrt die Häfen? Wir blicken auf die Gründung der Freihäfen um 1900 und den Strukturwandel rund 100 Jahre später. Wir erzählen von Schmugglern und Zöllnern, von Bremens großen Werften sowie Abenteuern, Sex und Alkohol an der Küste – dem Rotlichtviertel am Hafen.

Jetzt bestellen