Manchmal fragt sich Björn Harste, ob er nicht Schluss machen sollte mit der D-Mark. Auch über 16 Jahre nach Einführung des Euro-Bargelds akzeptiert der Betreiber des Spar-Markts in der Bremer Neustadt immer noch die alten Scheine und Münzen. „Wir machen das schon ewig“, sagt Harste. Heute seien es „vielleicht zwei Kunden im Monat“, die mit dem Geld aus vergangenen Tagen in seinen Laden kommen – oft, weil beim Ausmisten zuhause irgendwo die Banknoten mit dem Motiv des Lübecker Holstentors oder der Kaufmannsfrau Elsbeth Tucher aufgetaucht sind.

Ursprünglich habe er „einfach ein bisschen zusätzlichen Umsatz mitnehmen“ wollen, sagt der Supermarkt-Besitzer. Inzwischen überlegt er, ob sich der Aufwand noch lohnt. Schließlich kann er Mark und Pfennige nur in einer Bundesbank-Filiale in Euro umtauschen. Die Niederlassung in Bremen schloss vor einigen Jahren. Harste muss also mit seinen D-Mark-Einnahmen nach Oldenburg fahren, wo die Zentralbank weiterhin einen Stützpunkt unterhält. Für ihn sei das Geschäft in der alten Währung nur noch ein „ganz kleines Zubrot“, sagt der Einzelhändler.

Dabei horten die Deutschen nennenswerte Beträge des Gelds, das zum Symbol des Wirtschaftswunders wurde. Die Bundesbank ging Ende Mai davon aus, dass Scheine im Wert von fast sechs Milliarden Mark und knapp 6,7 Milliarden Mark in Münzen noch nicht in Euro umgetauscht sind. Das sind rund acht Prozent der 162,2 Milliarden Mark, die bei Einführung des Euro-Bargelds Anfang 2002 im Umlauf waren. Einiges dürfte verloren gegangen oder zerstört worden sein. Erhebliche D-Mark-Bestände werden im Ausland vermutet.

Umrechnen in D-Mark

Ansonsten ist die D-Mark Nostalgie. Sie ist die Währung, die für den wirtschaftlichen Aufstieg Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Für viele Menschen sind damit Erinnerungen verbunden. 37,9 Prozent der Deutschen, so ergab kürzlich eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Postbank, rechnen bei größeren Anschaffungen zumindest ab und zu noch Euro-Preise in D-Mark um.

Gleichzeitig ist Europas Gemeinschaftswährung fest in ihren Köpfen verankert. In einer Umfrage für die EU-Kommission vom Herbst 2017 sprachen sich 81 Prozent der Befragten in Deutschland für den Euro aus. Trotz Schuldenkrise – und trotz eines Währungsregimes, das nach Ansicht vieler Ökonomen nach wie vor unvollkommen ist.

Nahezu vergessen ist auch die „Euro-Teuro“-Debatte. Sie bewegte die Republik nach der Währungsumstellung derart heftig, dass die damalige Verbraucherschutzministerin der Grünen, Renate Künast, gar einen Krisengipfel einberief – der wirkungslos blieb. So mancher fremdelte anfangs mit dem neuen Geld, da vor allem Gastronomie-Betriebe die Euro-Umstellung als Gelegenheit für Preiserhöhungen nutzten. Der Eindruck entstand, der Euro heize die Inflation an.

„Vieles ist damals teurer geworden, aber das wäre so oder so passiert“, erinnert sich Supermarkt-Betreiber Harste. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass der Euro keineswegs ein Preistreiber war. Tatsächlich lag die Inflation in Deutschland in den zehn Jahren vor Einführung der Währung bei durchschnittlich 2,2 Prozent pro Jahr. Das sind 0,5 Prozentpunkte mehr als die Inflationsrate in den zehn Jahren nach dem Euro-Start (1,7 Prozent).

Dass viele Deutsche dies anders wahrnahmen, liegt an einem psychologischen Effekt: Die „gefühlte“ Inflation macht sich an Produkten des täglichen Konsums – etwa Lebensmitteln – fest, in die meist aber nur ein kleinerer Teil des Einkommens fließt. Die allgemeine Preissteigerung errechnen Statistiker anhand eines repräsentativen Warenkorbs, der eine breite Spanne an Waren und Dienstleistungen abdeckt. Vieles ist seit Einführung des Euro tatsächlich billiger geworden – etwa Fernsehgeräte, Flugreisen oder Telefonate.

Der Euro erwies sich als „hart“

„Der Euro ist stabiler, als es die D-Mark jemals gewesen ist“, sagt Henning Vöpel, Direktor des Hamburgisches Weltwirtschaftsarchivs (HWWI). Vielleicht freundeten sich die Deutschen auch deshalb so schnell mit dem neuen Geld an. Der Euro erwies sich als „hart“. Zum Jahresbeginn stieg er gegenüber der US-Währung wieder so stark an, dass die Europäische Zentralbank schon Sorgen äußerte. Schließlich erschweren es sinkende Preise von Importen aus anderen Währungsräumen für die EZB, ihr Ziel einer Teuerungsrate von mittelfristig knapp unter 2 Prozent zu halten. Von diesem Wert ist die Kerninflation – die Rate ohne Berücksichtigung der stark schwankenden Energiepreise – noch deutlich entfernt.

Vor allem aber ist es die Bedeutung der Gemeinschaftswährung für die Exporte, die Deutschland zum Nutznießer des Euro macht. Etwa 40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in andere Länder der Eurozone. Diese Region ist bei weitem wichtigster Handelspartner, deutlich vor dem Rest der EU, China und den USA. Dass Unternehmen keine Wechselkursrisiken einkalkulieren müssen, erleichtert ihnen das Geschäft erheblich. „Gerade Bremen und Hamburg hängen am deutschen Exportmodell“, sagt Ökonom Vöpel. Deutschland habe „im Saldo vom Euro profitiert“.

Das zeigte sich sogar in der Euro-Schuldenkrise – die letztlich eine Vertrauenskrise war. Was Anleger nervös werden ließ, war die Tatsache, dass der gemeinsame Währungsraum keine entsprechenden Institutionen der Wirtschafts- und Finanzpolitik besitzt. Die Rettungspakete für Griechenland bescherten Deutschland seit 2010 Zinsgewinne von etwa 2,9 Milliarden Euro, wie kürzlich bekannt wurde; Gewinne vor allem aus Ankäufen griechischer Staatsanleihen im Rahmen des „Securities Markets Programme“ der EZB.

Und auch in den Jahren der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise konnten die Deutschen froh sein, keine nationale Währung mehr zu haben. Denn wäre in dieser Zeit noch die D-Mark Zahlungsmittel gewesen, hätte sie als „sicherer Hafen“ massiv Kapital angezogen. Eine drastische Überbewertung der Mark wäre die Folge gewesen – Gift für die deutschen Exporteure, denn ihre Produkte hätten sich in aller Welt massiv verteuert.

Kritiker weisen auf die Unvollkommenheit der Währungsunion hin. In einer ökonomisch so ungleichartigen Region wie Europa lässt sich kaum eine Währungspolitik betreiben, die für sämtliche Staaten ideal ist. Der US-Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hält dies für den Geburtsfehler des Euro. Nötig sei ein „Set von Institutionen, die denjenigen Nationen helfen, für die diese Politik nicht gut passt“.

Der Bremer Kaufmann Björn Harste schätzt an der Währung vor allem, dass er damit in so vielen Ländern bezahlen kann – ganz ohne Umrechnen. „Dafür liebe ich den Euro“, sagt der Supermarkt-Besitzer. Und er könnte sich vorstellen, dass, wenn der Euro die Volljährigkeit erreicht hat, auch in seinem Spar-Markt die D-Mark-Ära endgültig beendet sein wird.

von Philipp Jaklin

Mit Plakaten „Auf Wiedersehen D-Mark“ und „Kohl, Waigel und Konsorten wollen unsere D-Mark morden“ protestieren am 28. März 1998 Anhänger des Bundes freier Bürger (BfB) in der Frankfurter Innenstadt gegen die Einführung des Euro. (dpa)

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