Vor 75 Jahren wurde die Altstadt schwer verwüstet – ein Ereignis im Schatten des Feuersturms

Schon länger gab es im „Astoria“ nichts mehr zu lachen. Der Betrieb in dem international bekannten Varieté war eingestellt, nach dem Willen von Propagandaminister Joseph Goebbels sollte mit dem „totalen Krieg“ jetzt endlich ernst gemacht werden. In den Räumlichkeiten des Musentempels an der Katharinenstraße sollte am 6. Oktober 1944 das erste bremische Ausweichkino seinen Betrieb aufnehmen. Doch daraus wurde nichts, am Abend desselben Tages steuerte wieder einmal eine alliierte Bomberflotte auf Bremen zu. Kaum eine halbe Stunde währte der Luftangriff: Um 20.18 Uhr klinkten die Maschinen ihre ersten Bomben aus, um 20.46 Uhr drehten sie wieder ab. Weite Teile der Altstadt, der Bahnhofsvorstadt, der alten Neustadt und der westlichen Vorstadt versanken an diesem Abend in Schutt und Asche. Auch das Astoria, der ganze Stolz des Varietébetreibers Emil Fritz.

Schwer beschädigt: die Martinikirche nach dem Luftangriff vom 6. Oktober 1944.
Quelle: Papierbild Heinrich Meyer

Im kollektiven Gedächtnis ist der 137. Luftangriff vom 6. Oktober 1944 längst nicht so fest verankert wie der Feuersturm vom 18./19. August 1944, als weite Teile des Bremer Westens in Flammen aufgingen und mehr als 1000 Tote zu beklagen waren. Dabei hat dieser Angriff das Bremer Stadtbild irreparabel zerstört, der neuerliche Bombenhagel wirkte wie der Todesstoß nach den vorherigen Verwüstungen. Etliche Kulturdenkmäler gingen in dieser Nacht verloren, nach dem 6. Oktober war die Stadt kaum noch wiederzuerkennen.

Vom Kornhaus an der Schlachte blieb nur eine Gebäudehälfte stehen, der Schütting und die Martinikirche brannten vollständig aus, schwer beschädigt wurde der Turm der Liebfrauenkirche. Bereits am 1. September 1944 war der Turm der Ansgariikirche eingestürzt, nun detonierte auch noch eine Sprengbombe im Kirchenschiff. Zahlreiche alte Bürgerhäuser an der Martinistraße, an der Schlachte und an der Katharinenstraße wurden zerstört, wie durch ein Wunder blieben aber das Rathaus und der Dom verschont.

Daneben trafen die Bomben etliche historistische Monumentalbauten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: darunter Hillmanns Hotel, das Veranstaltungshaus Union an der Tiefer und das Opernhaus am Wall. Die Baumwollbörse büßte ihren mächtigen Turm ein, das ausgebrannte Gestänge stürzte auf die Wachtstraße und blieb dort als bizarres Gebilde liegen. Die oberen Etagen des Gebäudes brannten vollständig aus, nur das Erdgeschoss konnte für den Bürobetrieb noch genutzt werden.

Gleich gegenüber bekam auch das Börsennebengebäude schwere Treffer ab, nachdem das Hauptgebäude am Markt schon im Dezember 1943 ausgebrannt war. Kaum besser erging es dem Turm des Lloydgebäudes, ein Bündel Stabbrandbomben entfaltete eine so starke Hitze, dass die eiserne Spitze abknickte. Auch das riesige Karstadt-Gebäude von 1932 und das Deutsche Kolonial- und Übersee-Museum wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Vordrucke erleichterten die Bearbeitung

Zwei prall gefüllte Akten im Staatsarchiv Bremen vermitteln einen plastischen Eindruck des damaligen Geschehens. Auf vergilbten Papieren lassen sich die Schadensmeldungen der Luftschutzpolizei nachlesen, in endlosen Namenslisten werden Tote und Verwundete aufgeführt, fein säuberlich abgeheftet sind die Mitteilungen aus den betroffenen Betrieben. Als „geheim“ sind sämtliche Schriftstücke klassifiziert, die eigene Bevölkerung sollte über die exakten Auswirkungen genauso wenig im Bilde sein wie mögliche Spione. Routiniert trug die Verwaltung alle eingehenden Meldungen zusammen. Schon längst erleichterten Vordrucke die zügige Erfassung der Verluste und Schäden. Mit geübter Feder kritzelte ein Luftschutzmitarbeiter in der Rubrik „Art des Angriffs“, was dort immer stand: „Terrorangriff“.

Wie bei jedem Luftangriff mühten sich die Behörden um exakte Angaben zur Zahl der angreifenden Maschinen und der abgeworfenen Bomben. Diesmal lautete die offizielle Angabe, es seien 246 Flugzeuge beteiligt gewesen, die 20 Luftminen, 613 Spreng-, 30 085 Flüssigkeits- und 376 000 Stabbrandbomben ausgeklinkt hätten. Genauso gründlich waren die Behörden bei der Erfassung der Verletzten und der „Gefallenen“, wie die Bombenopfer genannt wurden. Im Vergleich zum Feuersturm hielt sich die Zahl der Toten in Grenzen. Freilich schwanken die Angaben durch diverse Nachmeldungen. Der Historiker Herbert Schwarzwälder spricht von 62 Opfern, in der Chronik von Fritz Peters sind es 66.

Meist machtlos: die deutsche Luftabwehr.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Auf den Vordrucken trugen amtliche Schreibkräfte die persönlichen Daten der Toten und Verletzten ein: Name, Geburtsdatum und Anschrift. Bei den Toten musste die Todesursache angegeben werden. Die kurzen Vermerke vermitteln einen erschütternden Eindruck vom Grauen des Bombenkriegs. Da ist von „Schädelzertrümmerung“ die Rede, von „Verbrennung“, „Verschüttung“, „Erstickung“ oder einem „Schädelbruch durch herabfallende Trümmer“. Nicht fehlen durften die Sammelstellen der Leichen. Zahlreiche Tote wurden provisorisch in der unzerstörten Jacobikirche in der Neustadt untergebracht, andere schaffte man direkt ins Pathologische Institut.

Zusätzlich wollten die Behörden bei jedem Todesfall wissen, ob womöglich „luftschutzwidriges Verhalten“ vorgelegen habe. Ob also das Opfer irgendwie selbst schuld gewesen sei an seinem Schicksal, weil es sich nicht in einen Luftschutzraum begeben habe. Bei einem nachträglichen Leichenfund eine Woche nach dem Luftangriff las sich das dann so: „Tod durch Verbrennung, luftschutzwidriges Verhalten hat nicht vorgelegen.“

Der dokumentarische Sammeleifer der Behörden nahm bisweilen pedantische Formen an. In den zeitgenössischen Unterlagen sind sogar umgekommene Nutztiere akribisch aufgelistet. „40 Stück Großvieh und 11 Stück Kleinvieh getötet oder notgeschlachtet“, heißt es auf einem der Formulare.

Stockungen im Betriebsablauf

Zahlreiche Firmen mussten Stockungen im Betriebsablauf hinnehmen. Beschädigt wurde nicht zuletzt das Gebäude der Vereinigten Werkstätten am Wall, das reformorientierte Unternehmen mit Verbindunen zum Deutschen Werkbund hatte Privaträume Adolf Hitlers in Berlin und auf dem Obersalzberg ausgestattet. Eine Betriebsstörung meldeten auch die Deutschen Holzkunstwerkstätten. Zwölf Brandstellen mussten in der Fabrik gelöscht werden, das hatte Auswirkungen auf die Produktion. „Von unseren Gefolgschaftsmitgliedern sind heute nur ca. 10 % erschienen“, klagte der Betrieb am Tag nach dem Luftangriff.

Wie schwer der Schütting und das Börsengebäude (links vorne) durch den Bombenkrieg gelitten hatten, illustriert diese kurz nach Kriegsende entstandene Aufnahme.
Quelle: Handelskammer Bremen

Einen seitenlangen Bericht lieferte die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG) über die Schäden in den Hafenanlagen ab, neben etlichen Kräne und Schuppen stand auch der Weserbahnhof auf der Verlustliste. Durch eine große Anzahl von Brandbomben sei die Eisenbahnstation „restlos“ ausgebrannt. Weitgehend ungeschoren kam dagegen der Überseehafen davon. Beim benachbarten Europahafen war ohnehin Hopfen und Malz verloren. Die lakonische Bestandsaufnahme der BLG: „Im Europahafen haben die entstandenen Brände ebenfalls keine Wirkung gehabt, da der Europahafen fast ganz vernichtet ist.“

Tatsächlich war es den verheerenden Zerstörungen vorangegangener Luftangriffe zu verdanken, dass nicht wieder ein Feuersturm wütete wie im August 1944. Die ausgedehnten Trümmerfelder verhinderten einen Flächenbrand, die einzelnen Brandherde konnten sich nicht mehr zu einer gewaltigen Feuersbrunst vereinen. Gleichwohl zählte die Luftschutzpolizei immerhin 31 Großbrände sowie 100 Mittel- und 51 Kleinbrände. Noch heute lässt sich in den amtlichen Schriftstücken nachlesen, welche Straßenzüge betroffen waren, jedes einzelne zerstörte oder beschädigte Gebäude wird unter Nennung der Hausnummer erwähnt. Endlose Zahlenkolonnen füllen die Seiten, eine Bilanz des Schreckens. Entsprechend hoch war die Zahl der Ausgebombten, der behördliche Schriftverkehr spricht von „Obdachlosen“. Die Angaben variieren, die Spitze liegt bei mehr als 37 000.

Nur sechs Tage später flogen alliierte Bomber einen weiteren schweren Angriff auf die Industriegebiete in Hastedt und Sebaldsbrück. Danach kehrte Ruhe ein, eine gespenstische Ruhe, im Herbst 1944 erstarrten die Fronten im Westen und Osten. Doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm, ab Januar 1945 begann die Endphase des Zweiten Weltkriegs, kurz vor Kriegsende kam es im Frühjahr 1945 zu neuerlichen Luftangriffen auf Bremen. Dabei entstanden abermals schwere Schäden, die Wehrmacht tat ihren Teil dazu durch die Sprengung der verbliebenen Weserbrücken.

Am Ende bot Bremen ein Bild des Jammers, zwei Drittel des Gebäudebestands waren zerstört oder beschädigt. Nach Berechnungen aus den Nachkriegsjahren beliefen sich die Gesamtschäden auf mehr als 400 Millionen Reichsmark, der Löwenanteil entfiel auf die beiden Luftangriffe vom 18./19. August und 6. Oktober 1944. Bei den insgesamt 173 Luftangriffen kamen 3852 Menschen ums Leben.

Dieser Text ist die längere Fassung eines Beitrags, der am 30. September 2019 im WESER-KURIER erschienen ist. 

Ein Trümmerfeld so weit der Blick reicht: die Ruine der Ansgarii-Kirche und der am 6. Oktober 1944 beschädigte Turm des Lloydgebäudes.
Quelle: Otto Borchers

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75 Jahre WESER-KURIER

Pressefotografie und Pressefreiheit

. . . sind auch 75 Jahre Pressefotografie und Pressefreiheit in Bremen nach dem Zweiten Welt­krieg. Was waren die Menschen froh, als es am 19. Sep­tember 1945 wieder eine freie Presse gab, die unzensiert über die Ereignisse in der Stadt berichten durfte. Wir haben 75 Fotos aus acht Jahrzehnten ausgesucht, die in dem Sonderheft der Reihe WK|Geschichte zu sehen sind. Dazu ein Interview mit dem langjährigen WK-Fotografen Jochen Stoss und ein Gastbeitrag des Hochschulprofessors Rolf Nobel, dem Gründer des wohl renommiertesten Studiengangs für Fotojournalismus in Hannover.

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