Der Eingangsbereich: die Goldenen Zwanziger waren hier wirklich golden.
Foto: Frank Hethey

Zum Tag des offenen Denkmals: ein Gang durch das Haus des Reichs

Für eine so frequentierte Behörde wie das Finanzamt wirkt der Eingangsbereich irgendwie unangemessen. Wenig einladend schon allein die schweren Eingangstüren, so manch ein Besucher hat seine liebe Müh’ und Not damit. Kaum besser der gewundene Weg zum Anmeldebereich, aufgeklebte Fußspuren leiten die Besucher. Das monumentale Haus des Reichs als Behördensitz: eine grandiose Fehlplanung?

Keineswegs, so Gundula Rentrop, die das historische Vermächtnis des Hauses pflegt. Der Eingang war ursprünglich eben nicht gedacht für sonderlich viel Publikumsverkehr. „Es handelte sich um den Exklusiveingang für die Konzernspitze“, sagt die Kulturwissenschaftlerin.

Mit der Konzernspitze ist die Führungsriege der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei gemeint, kurz Nordwolle oder noch kürzer NWK. Das Großunternehmen zur Verarbeitung von Rohwolle beschäftigte einst nahezu 28.000 Menschen, ein führender Industriekonzern in Europa. Die Bremer Kaufmannsfamilie Lahusen hatte die Fabrik 1884 auf der grünen Wiese in Delmenhorst aus dem Boden gestampft – außerhalb Bremens, weil die Hansestadt damals noch immer nicht dem Zollverein angehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Konzernsitz nach Bremen an den Breitenweg verlegt.

Doch der neue Verwaltungssitz war nichts für die Ewigkeit. Ab 1925 begann die Firma, Grundstücke zwischen Contrescarpe, Schillerstraße, Rövekamp und Richtweg für den Bau einer abermals neuen Konzernzentrale aufzukaufen. Erst heimlich über Strohmänner, ab 1927 dann ohne Versteckspiel.

Nach Plänen der Brüder Eberhard und Hermann Gildemeister starteten 1928 die Bauarbeiten für das Monumentalgebäude am heutigen Rudolf-Hilferding-Platz. Bei der Umsetzung scheuten die Firmenleiter Georg Carl und Heinz Lahusen keine Unkosten, das Beste war gerade gut genug. Kein Wunder, dass die Ausgaben aus dem Ruder liefen, statt der veranschlagten drei Millionen verschlang der Prachtbau am Ende zwölf Millionen Reichsmark.

Die Lahusen-Söhne als verschworene Gemeinschaft: Firmenchef Georg Carl Lahusen (li.) posiert selbstbewusst mit verschränkten Armen.
Bildvorlage: Nordwestdeutsches Museum für Industriekultur

Verschwenderische Gestaltung

Geradezu verschwenderisch ist schon allein der Eingangsbereich des früheren „Nordwollehauses“ gestaltet. Ordentlich Eindruck machen, lautete die Devise. Erst recht, als 1929 die Weltwirtschaftskrise Deutschland erreichte. „Ihr habt die Krise, wir bauen“, charakterisiert Rentrop die Haltung der Konzernspitze. Doch tatsächlich ließen die Turbulenzen auch die Nordwolle nicht ungeschoren – schon bald kriselte es im Unternehmen, mit unerschütterlich zur Schau getragener Selbstsicherheit versuchte man, die ersten Risse zu übertünchen (mehr zum Nordwolle-Skandal hier).

Das darf man durchaus im wahrsten Wortsinne verstehen. Wohin das Auge reicht: feinstes Tropenholz, die Treppe in die Bel Etage aus edlem Marmor, ein Traum im zeittypischen Art Déco-Stil. Zwar ist nicht alles Gold, was glänzt im Haus des Reichs. Doch um schlichtes Blattgold handelt es sich auch nicht, die Konzernherren ließen ziemlich dick auftragen beim Bau des neuen Firmensitzes. „Es handelt sich um eine höchstwertige Legierung“, sagt Rentrop. „Man hat den Eindruck: Im ganzen Haus sind die Decken vergoldet.“

Mal eine andere Perspektive: das Haus des Reichs an der Ecke Richtweg/Rövekamp.
Foto: Frank Hethey

Pure Prachtentfaltung natürlich auch in den Direktionsräumen. Fast wie auf einer Zeitreise in die Goldenen Zwanziger fühlt man sich im Inneren der früheren Konzernzentrale. So auch im Konferenzraum, der sich über dem Eingang befindet. Nicht mehr im Originalzustand ist indes die Wandbespannung, ein merkwürdiges Karomuster aus den 1980er Jahren. Von der ursprünglichen Bespannung hat sich im Magazin eine Stoffbahn erhalten. Die Farben sind ausgeblichen, dennoch ahnt man noch die glänzende Pracht aus längst verflossenen Zeiten. „Wir haben es mit handgewebten Designerstoffen aus den Vereinigten Werkstätten am Wall zu tun“, sagt Rentrop. Damals eine erstklassige Adresse, das künstlerbasierte Unternehmen mit Verbindungen zum Deutschen Werkbund stattete auch etliche Lloyd-Dampfer aus, später sogar die Privaträume Hitlers auf dem Berghof und in der Neuen Reichskanzlei.

Kitsch im Konferenzzimmer

Einen eigenartigen, geradezu deplatzierten Eindruck machen dagegen die Stuckarbeiten in den Fensterhöhlen. Ein augenfälliger Stilbruch im Vergleich zur restlichen Raumgestaltung. Vielfach sind Tiermotive dargestellt: hier ein Rehkitz, da ein flatternder Vogel, dort ein ruhender Hirsch. „Früher sind die Stuckarbeiten bunt gewesen“, sagt Rentrop. Deutlich zu erkennen sei das auf Aufnahmen aus den Tagen der Borgward-Krise von 1961, fürs Gruppenfoto hätten die hohen Herren damals vor den Fenstern posiert.

Doch warum überhaupt der Kitsch im Konferenzzimmer? Rentrop hat dafür eine plausible Erklärung. Bei einem Besuch auf Gut Hohehorst, dem Sommersitz der Familie Lahusen, fielen ihr die gleichen Motive ins Auge. Ihre Vermutung: „Offenbar wollten sich die Lahusens ein bisschen wie zu Hause fühlen.“

Kitsch in den Fensterhöhlen: nicht unbedingt passend zur Raumgestaltung.
Foto: Frank Hethey

Das wollten sie auch in einem Raum, der einst als privates Esszimmer diente. Ein Mix aus matten Rot- und Türkisfarben im Art Déco-Stil dominiert, grünlich kommt der aus Schweden importierte Marmor der Fensterbank daher. Eher unauffällig verlaufen in den vier Ecken des Raums vertikale Schlitze bis unter die Decke. Eine Klimaanlage, wie Rentrop erklärt. Nach ihrer Vermutung die erste in ganz Bremen. Die Abluftanlage befand sich direkt über dem Tisch in einer Hohlkehle – eine elegante, weil nicht wahrnehmbare Lösung für die Luftzirkulation. Von der Wand grüßt eine Leihgabe der Kunsthalle: ein frühes Selbstbildnis der Malerin und Mäzenin Aline von Kapff als Fischhändlerin.

Von besonderer Güte auch der beheizbare, inzwischen stillgelegte Speiseaufzug in der kleinen Teeküche nebenan. Früher machten sich die Kinder einen Spaß daraus, sich in den Aufzug zu zwängen und damit auf und ab zu fahren. „Dazu muss man wissen: Im Haus des Reichs gab es auch Dienstwohnungen“, sagt Rentrop. An den Wochenenden hatte der Nachwuchs freie Bahn, eine enorme Verlockung. Als die US-Militärregierung ihren Sitz in dem Gebäude hatte, soll sogar ein schmächtiger GI geschafft haben, den Speiseaufzug als Fahrstuhl zu benutzen.

Wie die Güldenkammer

Ein wahres Schmuckstück sind die ehemaligen Direktionsräume, in denen sich heute das Dienstzimmer von Finanzsenatorin Karoline Linnert befindet. Für den Architekturexperten Axel Vos steht die Raumgruppe in kunsthistorischer Bedeutung „gleichberechtigt neben der Güldenkammer“ von Heinrich Vogeler im alten Rathaus. Freilich darf man nicht glauben, sämtliche Räume im Haus des Reichs seien so luxuriös ausgestattet. In den anderen Trakten seien die Zimmer „betont schlicht gehalten worden“, unterstreicht Vos.

Ganz am Ende des Ganges befinden sich vor den Fenstern des Glaskünstlers Georg Karl Rohde in mehreren Vitrinen noch Relikte der Ausstellung „Ausplündern und Verwalten“, eine Abrechnung mit der fragwürdigen Rolle der bremischen Finanzverwaltung bei der systematischen Enteignung jüdischer Familien. „Ein dunkler Fleck in der Geschichte des Hauses“, so Rentrop. „Aber eine Vergangenheit, der wir uns stellen müssen.“

Ein Plätzchen zum Entspannen: der Alkoven im früheren Arbeitszimmer von Friedel Lahusen.
Foto: Frank Hethey

Ein Fall für sich ist das ehemalige Arbeitszimmer des jüngsten Lahusen-Bruders Friedrich, genannt Friedel, der sich 1929 zu seinen beiden Brüdern im Firmenvorstand gesellte. Beim Betreten des geräumigen Zimmers fällt der Blick gleich auf den Alkoven gegenüber der Tür, ein gemütliches Plätzchen zum Entspannen.

Ob der damals 29-Jährige nach seinem Einzug sonderlich viel zu tun hatte, sei dahingestellt – die gut gepolsterte Sitzecke dürfte jedenfalls ihren Zweck erfüllt haben. „Bei der Einrichtung ihrer Büros durfte sich jeder der drei Lahusen-Brüder etwas Besonderes wünschen“, berichtet Rentrop. Friedels besonderer Wunsch sei die Vertäfelung mit ostpreußischer Kiefer gewesen.

Als Gesamtkunstwerk gilt das Treppenhaus im halbrunden Turm. Faszinierend und imposant zugleich ist der Blick von ganz unten nach ganz oben – in der goldglänzenden Deckenbemalung setzt sich die Spirale der Treppe fort. „Ein überaus beliebtes Fotomotiv“, wie Rentrop zu berichten weiß. Kaum minder beachtlich sind die lautlosen Paternoster, die noch immer treu ihren Dienst versehen.

Noch ein Prunk-Treppenhaus

Wer einfacher Beschäftigter im „Nordwollehaus“ war, hatte den Eingang am Richtweg zu nutzen. Heute dient der frühere Eingang nur noch als Ausgang, vergessen ist laut Rentrop dieses Treppenhaus, das „ebenfalls als Prunk-Treppenhaus“ kategorisiert werden könne. „Das massive Travertingeländer hat ein Vermögen gekostet.“

Vergessen auch, dass nicht etwa das gesamte Gebäude mit seiner Nutzfläche von 18.500 Quadratmetern nur von der Nordwolle genutzt wurde. Gut die Hälfte war als Bürofläche vermietet, im Haus befanden sich zudem ein Postamt, eine Zahnarztpraxis, eine Bank, ein Friseursalon und mehrere Läden. Darunter am Richtweg ein Tabakgeschäft, noch heute ist in der Wandvertäfelung eine Werbefigur zu erkennen, die beinahe ein wenig nach Höhlenmalerei aussieht. „Im Haus spricht man vom Indianer“, sagt Rentrop – die Figur sollte auf die Herkunft des Tabaks hinweisen.

Wie in einem Schiffsbauch: die Maschinenzentrale im Keller.
Foto: Frank Hethey

Ein wahres Prachtstück ist die ehemalige Maschinenzentrale im Keller des Hauses. Wie in einem Schiffsbauch sieht es dort unten aus, die Reling und die Treppe erinnern an den Maschinenraum eines Ozeandampfers. Freilich sind Marmorplatten in Maschinenräumen eher unüblich – ein weiteres Beispiel für die Verschwendungssucht beim Bau des Nordwollehauses. Inzwischen ist die Anlage stillgelegt, gelegentlich wird die Maschinenzentrale wegen ihrer zeitgenössischen Aura als Konzertraum genutzt.

Einen Abstecher wert ist auch der frühere Tresorraum, der heute als eine Art Magazinkeller dient. In einem Vorraum befand sich kurz nach dem Krieg ein kleines Gefängnis, eine KZ-Aufseherin soll hier in einer Art Käfig festgehalten worden sein. Vom Käfig ist nichts mehr zu sehen, wohl aber von den Linoleumplatten, die den Boden bildeten. An den Wänden wie auch an den massiven Stahltüren haben sich US-Soldaten verewigt.

„Dieses Haus ist eine Wundertüte“, sagt Rentrop – immer wieder finden sich in abgelegenen Ecken und Winkeln neue Überraschungen. Wie zum Beispiel eine Metallplatte mit den Lebensdaten des bekannten Bremer Auswandereragenten Friedrich Mißler. Niemand weiß, wie die Platte ins Haus gekommen ist oder welchen Zweck sie einmal hatte.

Kurze Freude am neuen Firmensitz 

Nur knappe zwei Jahre konnten sich die Gebrüder Lahusen ihres neuen Konzernsitzes erfreuen, im Sommer 1931 brach das Nordwolle-Imperium zusammen. Ein ungeheurer Skandal, der zwei Geldinstitute – die Danat-Bank und die Schröder-Bank – mit in den Abgrund riss und in Bremen eine schwere Regierungskrise auslöste. Unter dem Vorwurf des Konkursvergehens wurden die beiden Unternehmensleiter Georg Carl und Heinz Lahusen verhaftet und im Dezember 1933 zu Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt.

Das private Speisezimmer: ein Fest für die Sinne.
Foto: Frank Hethey

Bereits kurz zuvor ersteigerte das Deutsche Reich für vier Millionen Reichsmark das Nordwollehaus als Sitz der Reichsfinanzverwaltung, seit Mai 1934 trägt das Gebäude den Namen „Haus des Reichs“. Womit Vos zufolge wohl nicht das „Dritte Reich“ gemeint war, sondern das Deutsche Reich aus Weimarer Zeiten. Ein wichtiges Indiz: der Reichsadler ohne Hakenkreuz über dem Eingang. Ein Vorstoß, das Gebäude umzubenennen, scheiterte 1990 am Votum der Mitarbeiter – der Name war längst etabliert, einen anderen wollte man nicht.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Bauwerk „vergleichsweise glimpflich“ (Axel Vos). Während ringsum alles in Schutt und Asche versank, wurden „nur“ der Flügel an der Schillerstraße und die Kantine zerstört. Von 1945 bis 1947 diente das Gebäude als Sitz der US-Militärregierung, noch bis 1952 gab es amerikanische Dienststellen im Haus. 1956 zog der Finanzsenator ein, seit 1962 befindet sich das Gebäude im Eigentum der Freien Hansestadt Bremen.

Unter Denkmalschutz steht das Haus des Reichs seit 1978. Weshalb nichts modernisiert oder verändert werden darf – auch nicht das Nadelöhr im Eingangsbereich.

von Frank Hethey

 

Pracht pur: Treppenhaus im Haus des Reichs.
Foto: Frank Hethey

Jung, aber mit viel Geschichte

50 Jahre
Universität Bremen

50 Jahre sind seit der Gründung der Universität Bremen vergangen. Auf dem Weg von der vermeintlichen roten Kaderschmiede zur Exzellenzuniversität ist viel passiert: Wir haben den ersten sowie den aktuellen Rektor interviewt und mit Absolventen gesprochen – zu denen auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte gehört. Zudem hat uns ein Architekt über den Campus begleitet. Das Magazin der Reihe WK | Geschichte gibt es ab 18. September in den ­Kundenzentren des WESER-­KURIER, im Buch- und Zeitschriftenhandel, online unter www.weser-kurier.de/shop und unter 0421 / 36 71 66 16.

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