Zum Gedenken an den ermordeten Künstler: der neue Stampa-Stolperstein in der Wulwestraße.
Foto: Anna Häfermann

Biografie über den 1943 hingerichteten Bremer Künstler Robert Dorsay erschienen 

Emotional und treffend beschreibt der (etwas abgewandelte) Film-Titel „Es ging um sein Leben“ die 2016 erschienene Biografie über den Künstler Robert Dorsay, dessen Geburtsname Stampa lautete. Bereits am 4. Februar fand in den Räumen der Landeszentrale für politische Bildung Bremen eine musikalische Lesung statt. Hier wurde einem die Person Dorsays nicht nur vorgestellt, sondern wie es einem Künstler gebührt, präsentiert, bebildert und untermalt.

„Es geht um mein Leben.“ So hieß in Wahrheit ein Film von 1936, in dem der Bremer Schauspieler Robert Dorsay an der Seite von Maria Symo, Mutter der Schauspielerin Eva Mattes, sich in die Herzen der Zuschauer spielte. Und der eben heute einen tragisch-wunderbaren Titel für seine Biografie liefert.

Bei der Lesung lernte ich den Autor der Biografie kennen, seinen Vetter Volkrat Stampa, und konnte mich sozusagen berieseln lassen: von Musik, von Briefen und, am schönsten, von Anekdoten vom Autor selbst erzählt. Der Lesung ging die Verlegung eines Stolpersteins für Dorsay in der Wulwestraße 15 voraus. Denn dem Kabarettisten wurde sein ‚loses Mundwerk’, für das er auf der Bühne gefeiert wurde, im Privaten zum Verhängnis. Ein zu lauter Witz in einer Gaststätte, ein abgefangener Brief an einen guten Freund und sein Schicksal war besiegelt. Deshalb wurde Robert Dorsay von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt. Am 29. Oktober 1943 wurde er in Plötzensee wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet.

Robert Dorsay – Kabarettist, Schauspieler, Sänger und Tänzer

Die Biografie beginnt klassisch. Wer war Robert Dorsay? Wer waren seine Eltern und wo ist er aufgewachsen? Er erblickte am 16. August 1904 das Licht der Welt, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Bremen, Würzburg, Kissingen und schließlich Berlin. Bereits 1934 gehörte Robert Stampa zum Ensemble des Berliner Kabaretts der Komiker (KadeKo) am Kurfürstendamm, wo unter anderem auch Heinz Erhardt und Lale Andersen auftraten.

Wollte an Robert Dorsay ein Exempel statuieren: Propagandaminister Joseph Goebbels.
Quelle: Bundesarchiv, Bild 146-1968-101-20A / Heinrich Hoffmann / CC-BY-SA 3.0

Berühmt wurde er für seine Filme, seine Witze und seine Songs. Der Kabarettist wurde für seine Schlagfertigkeit und seine Gedankenschnelligkeit gefeiert und bewundert. Der eben genannte Abend in der Landeszentrale schafft es, einen Einblick zu vermitteln, die Musik zieht mit und der Swing in seinen Liedern zeichnet das Bild von einem lebenslustigen, frechen Mann, der begeisterte. Die Revueoperette „Heut bin ich verliebt“, die er mit Walter M. Espe und Komponist Viktor Corzulius schrieb, wird vorgespielt und man kann sich ausgezeichnet vorstellen, wie dieser Künstler zum Publikumsliebling geworden ist.

Unter den Nazis

Ein wenig zu sicher fühlte sich Dorsay aufgrund dieser Beliebtheit. Als könnte man ihm nichts anhaben, machte er Witze über Hitler, äffte ihn nach und das in der Öffentlichkeit. Er hielt es nicht für nötig, seine Meinung zumindest ein wenig zu tarnen. Noch schien er damit im Recht zu sein, und obwohl er nicht mehr in der NSDAP war, konnte er bis in die 1940er Jahre hinein auftreten und war ordnungsgemäß als Artist in der Reichstheaterkammer registriert.

1941 wurde Dorsay zur Wehrmacht eingezogen und seine Karriere damit jäh gestoppt. Um dieser wieder zu entkommen und seinen Traum vom Schauspielern nicht aufgeben zu müssen, versuchte sich der pfiffige Robert als Schriftsteller, beantragte die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer und schrieb „Das Schustermädel“. Damit wollte er auf „Arbeitsurlaub“ zurück nach Berlin und auch zu seiner Frau, der Schauspielerin Luise Mentges, mit der er schon seit 1939 verheiratet war.

Der Antrag wurde abgelehnt, das Manuskript zurückgeschickt und Robert Dorsay beging einen folgeschweren Fehler: er schrieb einen langen Brief an seinen Berliner Freund Eddy Haase und ließ darin seiner Wut freien Lauf. Nichtsahnend, dass der Briefverkehr kontrolliert werden könnte. Der Brief (in Original-Länge im Buch abgedruckt) wimmelt von Ironie, Witzen und sarkastischen Äußerungen:

„Ich hätte so gern mein Leben eingesetzt für die herrliche Idee der NSDAP. Aber wir gewinnen auch so — die Überzeugung, wie man es nicht machen soll (…)“

„Wann ist endlich Schluß mit dieser Idiotie. Idiotie. Anders kann man es schon garnicht bezeichnen. Die ganze Angelegenheit wird immer lächerlicher.“

Der Brief und seine Folgen

Dieser Brief wurde abgefangen und geöffnet – es kam wie es kommen musste – und Dorsay wurde festgenommen. Grund: Wehrkraftzersetzung. „Wegen Zersetzung der Wehrkraft wird mit dem Tode bestraft: 1. wer öffentlich dazu auffordert oder anreizt, die Erfüllung der Dienstpflicht in der deutschen oder einer verbündeten Wehrmacht zu verweigern oder sonst öffentlich den Willen des deutschen und verbündeten Volkes zur wehrhaften Selbstbehauptung zu lähmen oder zu zersetzen sucht.“

Dorsay wurde daraufhin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam zunächst nach Berlin-Tegel, doch das Urteil wurde aufgehoben und durch ein Todesurteil am 8. Oktober 1943 ersetzt.

Als noch alles gut war: Robert Dorsay 1939 in seinem Element.
Quelle: Willy Pragher, CC BY 3.0

Der Kabarettist Robert Dorsay wurde am 29. Oktober 1943 in Plötzensee hingerichtet. Trotz aller Bemühungen, dieses zu verhindern. Propagandaminister Goebbels schrieb dazu in sein Tagebuch: „Viele Berliner Schauspieler setzen sich für ihn ein, aber ich lasse mich dadurch nicht beirren. Die Künstler haben nicht Schimpf- und Defaitismusfreiheit im Kriege.“

Ein Gesamtkunstwerk aus Briefen, Fotos und Anekdoten

Volkrat Stampa bietet dem interessierten Leser nicht nur Einblick in das Leben von Robert Dorsay bis zu seinem Tode 1943, sondern darüber hinaus. Bei seiner Spurensuche über seinen Vetter Robert bat er ehemalige Schauspielkollegen, Regisseure und Freunde von damals um Hilfe und schafft damit ein einzigartiges Gesamtkunstwerk aus Briefen, persönlichen Anekdoten und privaten Fotos, die in ihrer Vielfalt einen tollen Einblick bieten in das Leben des Kabarettisten.

Besonders der Brief von Dorsays Frau hat mich berührt. Diesen schrieb sie in den 1970er Jahren an einen Freund der Familie, Schauspieler Hans Stadtmüller, und ist dabei so genau und detailgetreu, dass kaum zu glauben ist, dass Jahrzehnte dazwischen liegen. Ein wahres Fundstück für Herrn Volkrat Stampa, der damit in seiner Ahnenforschung ein gutes Stück vorangekommen ist.

Auch der historisch belegte und ausführlich recherchierte Beitrag des Militärhistorikers Dr. Roland Kopp, der detailgetreu über das Kriegsgerichtsverfahren gegen Robert Dorsay berichtet, ist in seiner Genauigkeit und Ausführlichkeit eine große Hilfe gewesen.

Die Erforschung der Familienhistorie ist für jeden schwierig, doch kam im Fall von Dorsay erschwerend hinzu, dass die Nazis den Kabarettisten bewusst auslöschen wollten. Filme, in denen er mitspielte, wurden verändert, aus den mitwirkenden Listen wurde er gestrichen. Insgesamt sollen es mindestens 35 Filme sein. Dank der Mithilfe vieler ehemaliger Schauspiel- und Theater-Kollegen und allen voran natürlich dem Ehrgeiz und dem unermüdlichen Forschen von Volkrat Stampa konnten schon 18 Filme ausfindig gemacht werden. Das Projekt „Es ging um sein Leben“ über seinen Vetter Robert Dorsay beinhaltet nun schon viele, viele Jahre intensiver Spurensuche und es scheint, als gäbe es auch immer noch was zu tun.

von Anna Häfermann

Volkrat Stampa: Robert Dorsay – Es ging um sein Leben, Anhang: Das Kriegsgerichtsverfahren gegen Robert Dorsay im Jahr 1943, Autor Dr. Roland Kopp, Sujet Verlag: Bremen 2016, 124 Seiten, ISBN 978-3-944201-98-6, Preis: 18,80 Euro. 

Von Anbiet bis Zuckerklatsche

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