Die Lage der „alten“ und der „neuen“ St. Wilhadi-Kirche
eingezeichnet in einen Stadtplan von 1915.
Quelle: SuUB/ Peter Strotmann

Ein Blick in die Geschichte (153): Das Schicksal des St. Wilhadi-Turms in Walle

Als Kind und Jugendlicher sieht man die Dinge auf eine eigene Weise. Auch der alte Kirchturm, der an der Nordstraße stand, ist sicher noch manchem in Erinnerung geblieben. Man hätte gerne mehr darüber gewusst. Aber wen sollte man fragen, wie alt der Turm war, wie hoch, wie die Kirche hieß und so weiter. Das soll hiermit nachgeholt werden. Doch zuvor berichtet Bremen History-Autor Peter Strotmann von seinen Eindrücken aus den 1950 und 1960er Jahren.

Der einsame alte Kirchturm, der ohne Kirchenschiff an der Nordstraße stand, hat mich als Kind und Jugendlicher sehr beeindruckt. Meine erste Erinnerung geht auf die Mitte der 1950er Jahre zurück. Da hatte mich mein Vater gelegentlich mit zur AG Weser genommen. Dort musste er die anstehenden Arbeiten mit den Bauleuten durchsprechen. Für die Fahrt nach Gröpelingen nahmen wir die Straßenbahn. Von der Neustadt kommend, stiegen wir vor dem Rathaus in die Linie 3 um. Diese fuhr zum Brill, durch die Faulenstraße – Hafenstraße – Europahafen – Korffsdeich – Lloydstraße und dann auf der Nordstraße weiter.

Noch unversehrt: die St. Wilhadi-Kirche um 1900.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Sobald wir den Kirchturm sahen, pflegte mein Vater zu sagen: „In Walle wohn’se alle.“ Ich aber sah nur eine wüste Gegend, wenn auch hier und da schon einige Reihenhäuser in den angrenzenden Straßen entstanden waren. Obwohl ich Ruinen zur Genüge kannte, war dieser Kirchturm doch etwas Einmaliges. „Soll der stehen bleiben?“, fragte ich meinen Vater. Er antwortete mir: „ Och, der hat ordentlich einen mitgekriegt. Der fällt über kurz oder lang von selbst um.“ Im nachherein muss ich sagen, das war typisch für einen Baumenschen in der Nachkriegszeit (mehr zu Peter Strohmanns Vater hier): Was der Krieg nicht geschafft hat, das schaffen wir. Dann können wir anschließend leichter durchplanen.

Der Kirchturm stand noch, als ich Anfang 1963 mit der Straßenbahn zur AG Weser fuhr. Doch da nahm die Linie 3 eine neue Strecke, und zwar fuhr sie ab Faulenstraße über Doventor, Hans-Böckler-Straße zur Nordstraße. 1966 musste ich mal wieder zur AG Weser. Doch da war von dem Kirchturm an der Nordstraße nichts mehr zu sehen.

Der Kirchturm der St. Wilhadi-Kirche an der Nordstraße

An der Nordstraße entstand in den Jahren 1876/78 die St. Wilhadi-Kirche als Ausgründung der St. Stephani-Gemeinde. Als das Kirchengebäude, ein Backsteinbau im gotischen Stil, am 1. Dezember 1878 eingeweiht wurde, fehlte noch der Turm.

In der Nacht vom 18. zum 19. August 1944 wurde auch die Kirche während des 132. Luftangriffs schwer getroffen. Lediglich der 65 Meter hohe Turm der Kirche ragte aus den Trümmern hervor.

Der Kirchturm als Mahnmal vom Untergang Bremer Westens

Den alten Kirchturm als Mahnmal zu erhalten, das hatte sich die Bremer Aufbaugemeinschaft auf die Fahnen geschrieben. Noch 1958 war der Wilhadi- Gemeinde von der Bauverwaltung zugesichert worden, dass sie auch den Kirchturm erhalten möchte. Um den Kirchturm herum entstanden 1958/59 sogar schon gärtnerische Anlagen. Die endgültige Entscheidung über die Zukunft des Turmes blieb vorerst aus.

Eine neue St. Wilhadi-Kirche entsteht 1955/56

Der Turm der neuen St. Wilhadi-Kirche.
Quelle: Peter Strotmann

Die Wilhadi-Gemeinde brauchte dringend wieder ein neues Gotteshaus. Schon am 2. April 1955 wurde der Grundstein für ein neues Gemeindezentrum gelegt. Bereits am 9. September 1956 konnte die Kirche an der Ecke Steffensweg/ Ecke St. Magnus-Straße mit einem Festgottesdienst eingeweiht werden. Von der Kirche an der Nordstraße konnte die alte 9.800 Kilogramm schere Glocke gerettet werden und wurde in das Gestühl des neuen 42,5 Meter hohen Kirchturms gehängt.

Der alte St. Wilhadi-Kirchturm wird beseitigt

Nachdem die St. Wilhadi-Gemeinde im Jahre 1956 ihre neue Kirche übernommen hatte, mag auch die Unterstützung für den alten Kirchturm an der Nordstraße als Mahnmal erlahmt sein. Jedenfalls wurde der Kirchturm 1963 vollständig eingerüstet und Experten suchten ihn nach Rissen und Schäden ab. Sie waren sich bewusst, dass dies nicht ein nur ein alter, ausgebrannter Kirchturm war. Sondern für viele Bremer ein Mahnmal zur Erinnerung an die Bombennacht vom 18./19. August 1944, als in einem Feuersturm ein ganzer Stadtteil ausgelöscht wurde.

Im April 1964 entschied die Baudeputation, den steinernen Zeugen vom Untergang des Bremer Westens zu beseitigen. Auch die Bürgerverein für die westliche Vorstadt sowie die SPD-Bürgerschaftsfraktion waren aus verkehrsplanerischen und städtebaulichen Gründen gegen einen Erhalt.

Die Aufbaugemeinschaft, die bisher für den Erhalt des Turmes gekämpft hatte, rechnete vor, dass der Abbruch des Turmes nahezu gleich teuer gewesen wäre wie ein Erhalt. Aber es war beschlossene Sache: Der Kirchturm wird beseitigt. Der musste jetzt Stein für Stein Stein geschehen.

Im Kriege hätte eine Sprengladung genügt.

von Peter Strotmann

Der Turm St. Wilhadi-Kirche steht einsam aufrecht in der Waller Trümmerwüste. Eine Straßenbahn der Linie 3 fährt auf der Nordstraße.
Quelle: Karl Edmund Schmidt, 1949

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