Trotz antisemitischer Anfeindungen soll der Museumsmann die „Rassenausstellung“ von 1935 konzipiert haben

Vom Ernst seines gesundheitlichen Zustands hat Ludwig Cohn bis zuletzt nichts geahnt. Nach überstandener Krankheit wollte der 62-Jährige an seine Arbeitsstätte im damaligen Kolonial- und Übersee-Museum zurückkehren. Um sich danach als Pensionär „irgendwo in Deutschland niederzulassen“, wie sein Kollege Johannes Weißenborn der Schwester in Litauen mitteilte. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, der langjährige Abteilungsleiter starb am 15. Juni 1935 im Bremer St. Joseph-Stift.

Nicht nur sein Befinden machte Cohn in seinen letzten Jahren zu schaffen. Schon bald nach der regionalen NS-Machtübernahme im März 1933 war er zur Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen aus der Wissenschaftsbehörde geworden. Ein leitender Mitarbeiter geiferte im April 1933, „als Jude reinstes Wassers“ habe Cohn nichts übrig für die rassischen Ziele der Bewegung. Es sei zu prüfen, ob Cohn neben dem greisen Gründungsdirektor Hugo Schauinsland und dem Freimaurer Weißenborn auszuscheiden hätte. Entlassen wurde der Zoologe allerdings nicht, erfüllte er als Kriegsteilnehmer und „Altbeamter“ doch gleich zwei Ausnahmekriterien des Arierparagraphen im Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.

Innovativ: die Ausstellungen im heutigen Übersee-Museum setzten als „Bremer Modell“ neue Maßstäbe. – hier: Blick in den Lichthof um 1900.
Quelle: Übersee-Museum

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet dieser Mann mit der Aufgabe betraut worden sein soll, eine neue Dauerausstellung zur „Stammesgeschichte und Rassen des Menschen“ zu konzipieren. Im Museumsführer wird daran kein Zweifel gelassen, der kurz zuvor berufene NS-Direktor Carl Friedrich Roewer habe Cohn diesen Auftrag erteilt – „zynischerweise“, wie die wissenschaftliche Museumsmitarbeiterin Bettina von Briskorn in einem Beitrag zum Übersee-Museum im Nationalsozialismus anmerkt. Ist das wirklich denkbar – ein als Jude klassifizierter Mitarbeiter soll ein NS-Lieblingsprojekt gestalten? Es ist zumindest nicht undenkbar, so abwegig es rückblickend auch erscheinen mag.

Ausstellung noch zu Lebzeiten Cohns eröffnet

Eröffnet wurde die Rassenausstellung noch zu Lebzeiten Cohns im Februar 1935. Von ihrem Erscheinungsbild können wir uns nur eine ungefähre Vorstellung machen. Über die Exponate weiß man nichts Genaues, der Kurator wird nirgends genannt. Neben dem gedruckten Wegweiser gibt es lediglich einen umfangreichen Zeitungsartikel in den „Bremer Nachrichten“ aus der Feder von Otto Bunzendahl, damals Volontär der Völkerkundeabteilung.

In seiner Berichterstattung werden die Juden mit keinem Wort erwähnt. Dafür aber im Ausstellungsführer. „Als europäischen Rassen nicht angehörende, spätere Eindringlinge treten in Europa die Juden hinzu“, heißt es dort in gängiger NS-Terminologie. Stutzig macht dann der direkt nachfolgende Satz: „Das jüdische Volk (nicht Rasse!) setzt sich vorwiegend zusammen aus der Vorderasiatisch-armenoiden Rasse (Typus Armenier) und der Orientalischen Rasse (Typus Araber).“ Denn die Juden als Volk und nicht als Rasse zu definieren, lief der NS-Rassenideologie diametral zuwider. War das die Handschrift Cohns? Merkwürdig genug, dass es diese Formulierung überhaupt in den Wegweiser geschafft hat.

Vom Glauben seiner Vorfahren hat sich Cohn schon früh abgewandt, laut Weißenborn hielt er sich nicht an das „mosaische Bekenntnis“. Schon in jüngeren Jahren soll er zum Christentum konvertiert sein, später bezeichnete er sich als Dissident, sprich: als Atheist. Reinen Forschungscharakter dürfte eine Palästina-Reise gehabt haben, die Cohn 1929 unternahm. Empfindlich reagierte er auf „Mißtrauen seiner Abkunft wegen“, wie ein früherer Vorgesetzter mitteilte – vielleicht auch deshalb seine zurückgezogene Lebensführung. Im Ersten Weltkrieg wurde Cohn zum Militär eingezogen, er arbeitete als Chefdolmetscher in einem russischen Kriegsgefangenenlager.

Das „Bremer Modell“: lebensechte Figuren als Bestandteile von Schaugruppen.
Quelle: Übersee-Museum

Dass Cohn tatsächlich die Ausstellung erarbeitet hat, beteuert der spätere Museumsdirektor Herbert Abel. Als junger Mann hatte er 1935/36 im Museum volontiert, er kann also Cohn noch persönlich begegnet sein. In einem Nachruf auf Roewer sprach Abel 1965 von der „von dem jüdischen (!) Abteilungsvorsteher L. Cohn vorbildlich gestalteten ‚rassenkundlichen Abteilung'“. Fast wortgleich findet sich diese Passage in einer Museumsgeschichte von 1970 wieder – die Ausstellung sei das „letzte museale Werk“ Cohns gewesen. Abel hat auch den Cohn-Artikel in der 1969 publizierten „Bremischen Biographie 1912-1962“ verfasst, dort allerdings ohne ihn als Macher der Rassenausstellung zu nennen.

Kaum zu leugnen ist, dass der eifrige Schädelsammler Cohn die nötige Expertise mitbrachte für die Konzeption einer Rassenausstellung. Vielleicht sogar für diese Aufgabe prädestiniert war im überschaubaren Mitarbeiterstab des Museums. Sein Vorgesetzter Roewer soll ihn geschätzt haben, versichert Abel, gegen Vorbehalte der neuen Machthaber habe er ihn auf seinem Posten halten können. Tatsächlich forderte der NS-Direktor alle Mitarbeiter auf, dem verstorbenen „Arbeitskameraden“ die letzte Ehre zu erweisen. Roewers Name findet sich denn auch auf der Kondolenzliste für Cohn, ebenso wie der von Bunzendahl.

Akribische Untersuchung: eine Schülergruppe mit einem Boot von den Salomonen-Inseln vor 1940.
Quelle: Übersee-Museum

Und doch ist die Sache damit nicht einwandfrei geklärt. Anders als Briskorn findet die Cohn-Expertin Gundula Rentrop es „wenig wahrscheinlich“, dass er der Kopf hinter der Ausstellung war. Die Abel-Aussage über Cohn hält sie für „eine nachträgliche Beschönigung der NS-Geschichte des Hauses“. Nach ihrer Einschätzung war er nach Roewers Amtsübernahme kaltgestellt, es habe „für Cohn offenbar nicht mehr viel zu tun“ gegeben. An ihn gerichtete Anfragen seien stets von Roewer beantwortet worden. Auch die Ausstellung sei Chefsache gewesen, als Indiz führt Rentrop eine Anfrage Roewers vom Dezember 1934 zur Reproduktion einiger „herrlicher Judenköpfe“ an.

Kein Freund von Arztbesuchen

Freilich könnte das auch mit Cohns schon damals angegriffenem Gesundheitszustand zusammenhängen. Seine letzte Arbeit an einem Katalog für Säugetiere muss ihm schon ungeheuer schwer gefallen sein, darauf deuten seine handschriftlichen Notizen hin. Es sei „ganz jammervoll anzusehen, ihm müssen ständig die Hände gezittert haben, die Tinte ist ihm immer wieder ausgerutscht und er ist voller Fehler“, sagt Gundula Rentrop. Nicht auszuschließen, dass Roewer seinem todkranken Abteilungsleiter zur Hand ging, die Rassenausstellung könnte damit auch eine Gemeinschaftsarbeit gewesen sein. Laut Personalakte fiel Cohn bereits Anfang 1934 wegen einer Rippenfellentzündung fünf Wochen aus. Viel zu lange hatte der leidenschaftliche Raucher sich gegen Arztbesuche gesträubt, erst auf gutes Zureden Weißenborns gab der eingefleischte Junggeselle seinen Widerstand auf. „Nach menschlichem Ermessen ist es wohl schon damals (etwa Ende 1933) reichlich spät gewesen“, so Weißenborn im Brief an Cohns Schwester.

Nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus trat keine Besserung ein. „Ihr Bruder hat sich dann Monate lang – wie man so sagt – hingeschleppt.“ Das blieb seinem Vorgesetzten nicht verborgen, im November 1934 wandte sich Roewer an die Behörde mit der Bitte, Cohn in den vorzeitigen Ruhestand zu versetzen. Sein Mitarbeiter sei „infolge einer lange verschleppten Pleuritis körperlich derart mitgenommen (dauernde ärztliche Behandlung, Blutauswurf, Husten), dass es, trotzdem er seinen vollen Dienst unentwegt versieht, fraglich erscheint, ob er noch längere Zeit sein Amt wird verwalten können“. Eine keineswegs hämische, sondern geradezu fürsorgliche Anfrage Roewers. Von „jüdischer Abkunft“ sei in diesem Antrag keine Rede, stellt Rentrop fest.

Unvollständige Personalakte

Zu denken gibt indessen, dass in der Personalakte Cohns wichtige Bestandteile fehlen, die laut Inhaltsverzeichnis einmal vorhanden waren. Spurlos verschwunden ist der Fragebogen zum Nachweis der arischen Abstammung. Aufgeführt ist auch ein „Eid auf den Führer des Deutschen Reiches“, den Cohn mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelegt haben dürfte. „Die Personalakte wurde offensichtlich manipuliert“, schreibt Rentrop. Doch von wem und zu welchem Zweck? Darüber wird kaum noch Klarheit zu erlangen sein.

Auf dringenden ärztlichen Rat kehrte Cohn im Februar 1935 in die Klinik zurück, diesmal für immer. Ein paar Wochen vor seinem Tod suchte er noch einmal das Museum auf, spätestens damals wird er auch die Rassenausstellung in Augenschein genommen haben. Man ließ ihm im Glauben, er leide an einer Lungentuberkulose – das gab ihm die Hoffnung, er könne mit der Krankheit leben. Doch in Wahrheit handelte es sich um unheilbaren Lungenkrebs.

Wegen seiner jüdischen Herkunft im Visier der NS-Behörden: Ludwig Cohn, seit 1920 Abteilungsleiter imm heutigen Übersee-Museum. 
Quelle: Historisches Bildarchiv des Übersee-Museum Bremen

Kurz vor seinem Tod überredete Weißenborn seinen Kollegen, das Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer zu beantragen. Cohn selbst hatte das stets abgelehnt, „da er gewisse begreifliche Bedenken hatte“ – anscheinend fürchtete er, man könne ihm unterstellen, als Jude wolle er sich damit einen Vorteil verschaffen. Doch die Auszeichnung traf zu spät ein, er erwachte nicht mehr aus seinem Dämmerzustand. Als „besonders tragisch“ empfand Weißenborn diesen Umstand. „So konnten wir ihn nur noch in der Todesanzeige als Inhaber des Kreuzes bezeichnen.“

Der Zoologe Ludwig Cohn (1873-1935)

Der Zoologe Ludwig Cohn wurde am 4. Februar 1873 in St. Petersburg geboren. Sein jüdischer Vater Theodor stammte aus Marggrabowa oder Oletzko in Ostpreußen, das 1928 zur Erinnerung an das pro-deutsche Votum bei der Volksabstimmung von 1920 (mehr zu dem Komplex hier) in Treuburg umbenannt wurde. Über die Konfession seiner Mutter Emma Günzberg gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Unklar ist, wann und warum die Familie nach Russland übersiedelte. Zunächst studierte Cohn in St. Petersburg, ab 1893 in Königsberg – womit er wieder in der Heimat seiner Eltern lebte. Laut Herbert Abel fürchtete Cohn, als Jude beruflich diskriminiert zu werden, das könnte ein Grund für seine Konversion zum Christentum gewesen sein. Seit 1904 arbeitete Cohn am damaligen Städtischen Museum für Natur- , Völker- und Handelskunde (heute: Übersee-Museum). 1907 wurde er als Beamter fest angestellt, 1920 avancierte er zum Abteilungsvorsteher Naturkunde. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg unternahm Cohn zwei große Forschungsreisen in die deutschen Südsee-Kolonien, dabei brachte er zahlreiche Objekte mit, auch menschliche Schädel, die heute Gegenstand der Provenienzforschung sind. Cohn starb nach langer Krankheit am 15. Juni 1935.         

Dreiteilige Serie zum 125-jährigen Bestehen des Übersee-Museums

1. Teil: Der Fall Ludwig Cohn

2. Teil: Das Überseemuseum als Kolonialmuseum

3. Teil: NS-Direktor Carl Friedrich Roewer   

Mein Bremen

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