Akribische Untersuchung: eine Schülergruppe mit einem Boot von den Salomonen-Inseln vor 1940.
Quelle: Übersee-Museum

Mit der neuen „Amerika“-Ausstellung ist das Übersee-Museum wieder komplett / Wechselvolle Geschichte begann schon vor Bau des Museumsgebäudes 1896  

Es ist Gründungsdirektor Prof. Dr. Hugo Schauinsland, dem das Übersee-Museum seinen bis heute einzigartigen Auftritt verdankt. Bereits im Jahr 1896 gelang es ihm, mit seiner Leitidee der „ganzen Welt unter einem Dach“ Maßstäbe zu setzten. Menschen und Tiere in ihrer heimischen Umgebung zeigen, möglichst naturnah und wissenschaftlich genau – so wollte der Zoologe damals Kollegen aus der Wissenschaft, aber zugleich auch interessierte Laien begeistern.

Schaugruppen, die menschliche Lebensgemeinschaften „naturnah“ darstellen, gibt es heute nicht mehr. Dennoch prägen einige der Überlegungen Hugo Schauinslands zur Ausstellungsgestaltung sowie seine Sammlungspolitik das Haus bis in die Gegenwart. Dazu gehören zum Beispiel die Darstellung von Lebensgemeinschaften aus der Tierwelt, aber auch Museumsobjekte aus den Disziplinen Natur-, Völker- und Handelskunde – heute integriert in eine gemeinsame Ausstellung.

Wer in diesen Tagen seine „Weltreise“ rund um die architektonisch eindrucksvollen Lichthöfe des Hauses startet, den erwartet allerdings nicht nur Historisches. Dem Anspruch folgend, auch Geschichten aus der Gegenwart ferner Kulturen und Kontinente zu erzählen, wurden die Dauerausstellungen in den vergangenen Jahren grundlegend überarbeitet. Jüngstes Ergebnis und vorerst letzte Etappe dieser Runderneuerung ist die Ausstellung „Amerika“ – zu sehen seit Anfang November.

Vorgängergeschichten: Raritäten und Kuriosa

Genau genommen beginnt die Geschichte des Übersee-Museums Bremen jedoch schon weit vor dem Bau seines heutigen Gebäudes am Bahnhofsplatz – nämlich im 17. Jahrhundert. Damals besaß das im Bremer Katharinen-Kloster ansässige „Gymnasium illustre“ Objekte wie ausgestopfte Löffelgänse, Schlangenhäute oder türkische Pumphosen.

Schon im 17. Jahrhundert gab’s im „Gymnasium illustre“ was zu sehen: nämlich ausgestopfte Löffelgänse, Schlangenhäute oder türkische Pumphosen.
Quelle: Daniel Feuerbach

Im Jahr 1738 gelangten diese Stücke in den Besitz der „Gesellschaft Museum“, einem der Vorläufer des Übersee-Museums Bremen. Hierher verschlug es per Überlassung durch den Bremer Senat auch das Skelett eines 1669 in der Lesum erlegten Zwergwales. Seine Knochen hängen heute im Foyer.

Das Naturalienkabinett der „Gesellschaft Museum“ und die Sammlungen verschiedener anderer Einrichtungen wie der „Anthropologischen Commission“ oder des „Naturwissenschaftlichen Vereins“ wurden bis 1878 in die Obhut der Stadt übergeben. Bremer Bürger, die sich fortan die „Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie“ anschauen wollten, gingen dazu in den sogenannten „Saalbau“ des Bremer Doms. Im Oktober des Jahres 1879 wurde hier der ethnographische Ausstellungssaal als letzter Teil der neuen Schausammlung für Publikum geöffnet. Jedes Jahr fanden tausende Besucher den Weg in dieses „Museum“, das zunehmend auch dem Schulunterricht diente.

Der neue Macher: Gründungsdirektor Dr. Hugo Schauinsland, Privatdozent für Zoologie an der Universität München.
Quelle: Übersee-Museum

Das Übersee-Museum entsteht: Bremer Bürger, Kaufleute, Sparkasse und Senat legen zusammen

1887 wurde die Stelle des Direktors der „Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie“ ausgeschrieben. Aus 14 Bewerbern ausgewählt wurde: Dr. Hugo Schauinsland, Privatdozent für Zoologie an der Universität München. Der neue Direktor beteiligte sich in den folgenden Jahren maßgeblich an den Vorbereitungen für die Nordwestdeutsche Gewerbe- und Industrieausstellung von 1890. Ein Engagement, von dem das Übersee-Museum Bremen bis heute profitiert. Denn hier holte sich dessen Gründungsdirektor nicht nur Anregungen und Know-how für seine Art der Ausstellungsgestaltung, die als „Bremer Modell“ überregional bekannt wurde, sondern er knüpfte außerdem wertvolle Kontakte zur Kaufmannschaft.

Setzte entscheidende Impulse fürs Übersee-Museum: die Nordwestdeutsche Gewerbe- und Industrieausstellung von 1890.
Quelle: Der Bremer Bürgerpark, Bremen 1991

Um die Exponate der Nordwestdeutschen Gewerbe- und Industrieausstellung zu erhalten, entstand nach deren Ende ein Verein mit dem Ziel, ein „Handelsmuseum“ einzurichten. Doch die „Städtischen Sammlungen für Naturgeschichte und Ethnographie“ brauchten ebenfalls dringend mehr Platz. Bis April 1891 gelang es den Vereinsmitgliedern, 400.000 Reichsmark Spenden für einen Museumsneubau zu sammeln, der beidem Raum bieten sollte.

Gut die Hälfte dieser Summe stammte von der Sparkasse Bremen. Die Spenden und Exponate der Gewerbe- und Industrieausstellung wurden nun dem bremischen Senat als Geschenk angeboten. Dieser sollte noch einmal 400.000 Reichsmark dazugeben, den ausgesuchten Bauplatz am Hauptbahnhof bewilligen und den Neubau übernehmen. So geschah es. 1892 begannen die Bauarbeiten für das heutige Gebäude des Übersee-Museums – zunächst mit einem Lichthof. Am 15. Januar 1896 eröffnete das „Städtische Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde“. Schon 1911 erfolgte – nach ähnlichem Modell finanziert – die Eröffnung des 2. Lichthofes als Erweiterungsbau.

Kriegs- und Nachkriegsjahre: Vom Totalschaden zum Publikumsmagnet

Innovativ: die Ausstellungen im heutigen Übersee-Museum setzten als „Bremer Modell“ neue Maßstäbe. – hier: Blick in den Lichthof um 1900.
Quelle: Übersee-Museum

Im Januar 1935 beschloss der Bremer Senat, das Haus ganz im Zeichen des Kolonialrevanchismus in „Deutsches Kolonial- und Übersee-Museum“ umzubenennen. Carl Friedrich Roewer, der Nachfolger Hugo Schauinslands, ließ die Ausstellungen so umbauen, dass die Sammlungen aus ehemaligen deutschen Kolonien mehr im Vordergrund standen; auch eine „rassekundliche“ Ausstellung wurde eingerichtet. Direktor Roewer tätigte passende Ankäufe und knüpfte an die Ideen und Methoden seines Vorgängers zur Ausstellungsgestaltung an. Er war es auch, der mit Blick auf die Kriegsgeschehnisse die Lichthöfe des Museums räumen ließ. Rund 700 Kisten mit Museumsgut, Bibliotheksbeständen und Katalogen fanden daraufhin zunächst im Keller Platz. Größere Objekte brachte man in den Seitenhallen des Hauses unter. 1943 wurde der größte Teil der verpackten Sammlungsbestände ins Bremer Umland verschickt.

Dennoch kam das Übersee-Museum nicht ohne erhebliche Schäden davon. Am 20. Dezember 1943 zerstörte eine Sprengbombe den 1. Lichthof. Ein Sprengkörper, der ein benachbartes Gebäude der Bahn traf, tat sein Übriges. Das Museum wurde als Totalschaden deklariert. Doch das sollte es nicht lange bleiben. Schon im Oktober 1949 konnte Bürgermeister Wilhelm Kaisen den ersten Teil einer neuen Schausammlung eröffnen. Mitte der 50er Jahre gehörte das Übersee-Museum bereits wieder zu den Bremer Sehenswürdigkeiten, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt waren. 1957 sahen 263.940 Besucher die Ausstellungen – bis heute die höchste Besucherzahl, die je verzeichnet wurde. Zu seinem heutigen Namen kam das Haus übrigens erst 1952 per Senatsbeschluss, nachdem sich die Variante „Städtisches Museum für Natur-, Völker- und Handelskunde“ aus der Zeit vor 1935 bei den Bremern nicht durchsetzen konnte.

Ein Bison als Exponat: Mit der neuen Amerika-Ausstellung ist das Übersee-Museum wieder komplett.
Quelle: Übersee-Museum, Foto Matthias Haase

Alles nur kein Stillstand: Sanierung, Stiftung und Schaumagazin

Nach dem Krieg galt das Hauptaugenmerk von Museumsleitung und Mitarbeitern zunächst dem Wiederaufbau der Sammlungen. Zu Beginn der 1970er Jahre waren Bausubstanz und technische Ausstattung des Museums daher in Teilen marode – einer der Gründe, warum das Haus 1976 für eine grundlegende Sanierung geschlossen wurde. Drei Jahre später konnte neu eröffnet werden. Im Zentrum standen die Bereiche Südsee, Australien und Teile der Abteilung Bremen/Unterweser. Hier setzte man erstmals eine neue Konzeption um: Die Fachdisziplinen Natur-, Völker- und Handelskunde wurden in eine gemeinsame Ausstellung integriert. Das Haus gliederte sich nach Kontinenten und Großräumen. Die Darstellung der Gegenwart einzelner Länder und Kulturen rückte wieder stärker in den Vordergrund.

Schwer beschädigt: Im Zweiten Weltkrieg wurde der Lichthof von Bomben getroffen.
Quelle: Übersee-Museum

Doch nicht nur die Ausstellungen veränderten sich. Auch die Strukturen des Hauses erfuhren innerliche wie äußerliche Erneuerung. 1999 wurde per Senatsbeschluss aus der nachgeordneten Dienststelle Übersee-Museum eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Zwei der Ziele dieser Neuerung: mehr Eigenständigkeit für das Haus und die Erleichterung von Zustiftungen, die Museum und Sammlungen zugute kommen. 1999 war jedoch nicht nur deshalb ein besonderes Jahr für Leitung und Kollegium. Ein weiterer Meilenstein war die Eröffnung des Übermaxx, Deutschlands erstem Schaumagazin. Auf neun Etagen fand hier ein Großteil der 1,2 Millionen Sammlungsobjekte des Hauses seinen Platz. Drei Stockwerke sind öffentlich zugänglich. Möglich machte dieses Vorhaben die Kooperation mit dem Betreiber des Multiplex-Kinos Cinemaxx. Seit 2008 verbindet die Waldemar Koch Brücke das Haupthaus des Museums mit dem gegenüber im Kinogebäude gelegenen Schaumagazin Übermaxx.

Von Ozeanien bis nach Amerika: Die ganze Welt wieder unter einem Dach

Das Haus erneut für mehrere Jahre schließen? Als zu Beginn des neuen Jahrtausends im Übersee-Museum wiederum eine Runderneuerung anstand, entschieden sich die Verantwortlichen für einen anderen Weg. Schrittweise sollten die Ausstellungen überarbeitet und neu eröffnet werden. Den Anfang machte 2003 „Ozeanien“. Im Jahr 2006 folgte „Asien“. Gut drei Jahre später gab es mit „Erleben, was die Welt bewegt“ sogar eine Deutschland-Premiere. Als erstes im Land widmete das Haus eine Dauerausstellung dem Trend Globalisierung. Sieben Bereiche – darunter Kommunikation, Weltwirtschaft oder Sex & Gender – geben Besuchern Einblicke in globale und kulturvergleichende Themen, die mit Beginn des neuen Jahrtausends eine ganz neue Dynamik erlangten. 2013 konnte dann „Afrika“ eröffnet werden, bevor „Amerika“ als jüngste Ausstellung seit November 2016 den Ausstellungsreigen komplettiert. So ist das Übersee-Museum Bremen derzeit erstmals nach 15 Jahren Umbauzeit wieder vollständig zu sehen – und damit der ursprünglichen Vision von Prof. Dr. Hugo Schauinsland, der „ganzen Welt unter einem Dach“, wieder einen Schritt näher.

Seit November 2016 eröffnet: die neue Amerika-Ausstellung.
Quelle: Übersee-Museum, Foto Matthias Haase

Die Ausstellung „Amerika“ bietet ihren Betrachtern die Möglichkeit, in die aktuellen Lebenswelten verschiedener Amerikanerinnen und Amerikaner aus Nord- wie Lateinamerika einzutauchen und deren Entstehung nachzuvollziehen. In acht Videoporträts gewähren die Protagonisten persönliche Einblicke. Die Filme begleiten die Besucher als „roter Faden“ durch die vier Themenschwerpunkte Einwanderung, Religion, Politik & Gesellschaft sowie Welthandel. Ob menschliche oder tierische Einwanderer in Nord- und Lateinamerika, Thanksgiving oder Karneval, lebensgroßer Bison oder Vögel aus dem Amazonas-Regenwald, Handel mit Erdöl oder mit Mais, Evangelikalismus oder Katholizismus – immer wieder regen Themeninseln in der Ausstellung dazu an, Neues zu erfahren, Vergleiche zu ziehen oder Zusammenhänge zu erkennen.

Den bewährten Grundsätzen der Ausstellungsgestaltung im Haus – entwickelt aus den Ideen und Visionen Hugo Schauinslands – bleiben die Kuratoren dabei treu. Dazu gehört das Diorama, das ein Karibu in seinem Lebensraum zeigt ebenso wie die integrierte Darstellung von völker-, handel- und naturkundlichen Aspekten eines Themas oder eben Geschichten, die Besuchern das heutige Amerika nahebringen – und das mitten in Bremen.

von Kerstin Schnaars

Das „Bremer Modell“: lebensechte Figuren als Bestandteile von Schaugruppen.
Quelle: Übersee-Museum

Mein Bremen 4

Mein Bremen

Die Stadt in Bildern von 1945-1967, Teil 4

Bremen und der Wiederaufbau: Der vierte Band unserer Reihe „Mein Bremen“ beschreibt in Bildern und kurzen Geschichten die Zeit von 1945 bis 1967 von den Aufräumungsarbeiten bis zur Zeit des Wirtschaftswunders. Die erste Meisterschaft von Werder Bremen, der Bau von Trabantenstädten und wie die Häfen zum Motor der Stadt wurden, sind weitere Themen. Dazu zeigen wir viele bisher unveröffentlichte Fotos aus den Stadtteilen und aus den Privatarchiven unserer Leserinnen und Leser.

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