Vor 50 Jahren

Bremen hat „seine“ Catcher wieder. Wie sehr das Publikum sie vermißt hatte, zeigte die ausgebuchte Halle II der Stadthalle, wo jetzt 27 Tage lang täglich ab 20 Uhr 17 Weltklasse-Berufsringer aus elf Nationen um den „Catch-Cup 70“ kämpfen. Gleich der erste Abend wurde für Veranstalter Nicola Selenkowitsch aus Bremen – selbst vom Fach, sprich von der Matte – zu einem vollen Erfolg. (…) Catchen ist in Bremen gesellschaftsfähig geworden. Auch die Damen waren zahlreich vertreten. Nachdem sie allerdings die modernen Gladiatoren und deren Muskelpakete bewundert hatten, mußte sich so mancher Mann unter den Besuchern einen recht kritischen Seitenblick gefallen lassen. (WESER-KURIER, 28./29. November 1970)

Hintergrund

Fast ein bisschen genervt klang Stadthallendirektor Hans Claussen, als er sich 1971 zu den Vorlieben des Bremer Publikums äußerte. „Wenn es nach den Bremern ginge, dann hätten wir fünfmal im Jahr Peter Alexander, fünfmal Musikschau der Nationen, sechsmal Sechstagerennen und den Rest des Jahres Catchen.“

Tatsächlich galt Bremen lange Zeit als deutsche Catch-Hochburg.

Bereits in den frühen Nachkriegsjahren legten sich die Muskelmänner unter dem Gejohle der Zuschauer gegenseitig aufs Kreuz, damals noch in der Sporthalle auf der Bürgerweide. Später fand das Spektakel in der 1964 eröffneten Stadthalle seine Fortsetzung, immer gegen Jahresende und gern auch schon mal zwischendurch gingen die Profiringer aufeinander los.

Beim Catchen verlagert sich das Kampfgeschehen auch mal außerhalb des Rings, hier beim Turnier im November 1993.
Foto: Jochen Stoss

Dass die scheinbar brutalen Prügelszenen in Wahrheit nur gestellt sind, hat dem Publikum schon früher nichts ausgemacht. Auch beim heutigen Wrestling macht sich darüber niemand Illusionen – würden die Herren wirklich so zuschlagen wie sie vorgeben, wäre jeder Schaukampf ein Blutbad. „Dieser Ringkampf hat mit Sport nichts zu tun“, teilte der WESER-KURIER im Oktober 1953 seinen Lesern mit. Vielmehr handele es sich um eine Schaustellung, die Ringer seien Artisten. Geradezu verächtlich kommentierte damals ein amerikanischer Manager den klassischen Amateur-Ringkampf: „Wer will schon so ein Herumquälen auf der Matte sehen?“

Irgendwo in der Mitte zwischen Show und Sport sind die Catch-Turniere von Nicola Selenkowitsch anzusiedeln. Sein Name hat in Bremen bis heute einen guten Klang, ohne ihn wäre die Stadt kaum zum Mekka des Catchens geworden. Der gebürtige Serbe verdingte sich seit 1949 als Berufsringer. Laut WESER-KURIER blamierte er im Juli 1949 den früheren Ringerweltmeister Adam Sasorski, als der im Augsburger Eisstadion mit einem Stier nicht fertig wurde. „Mein Vater besiegte das Tier mit bloßen Händen“, berichtet sein Sohn Michael Selenkowitsch, Geschäftsführer einer Bremer Marketingagentur. Auf die Frage, wie er den Stier zu Boden gebracht habe, entgegnete der Bauernsohn zweideutig: „Ich habe den Stier an den Hörnern gepackt und ihm ins Ohr geflüstert, er solle sich hinlegen.“

Mehr als 20 Jahre lang gehörte das Catchen zum festen Repertoire in der Stadthalle. Nur mit einem Sprecher als Zusatzkraft stellte die Familie von 1965 bis 1986 pro Jahr bis zu 300 Veranstaltungen auf die Beine. Mit einer Reihe festangestellter Ringer, zu denen auch der spätere Weltmeister Otto Wanz gehörte, zog Selenkowitsch durchs Land. Aus der ganzen Welt meldeten sich Ringer, die bei ihm eine Anstellung suchten. Wenn ihnen die richtige Anschrift im Steintorviertel nicht geläufig war, auch schon mal unter der Adresse „Nico, Zwischen Puff und Post, Bremen“.

Das Publikum kam in Scharen

Das Modell machte sich bezahlt, das Publikum kam in Scharen. „In Bremen war immer von Mitte November bis kurz vor Weihnachten der krönende Abschluss“, erinnert sich Michael Selenkowitsch. Innerhalb von sechs Wochen seien bis zu 100 000 Zuschauer in die Stadthalle gepilgert. „Beim ersten Mal war der Andrang so groß, dass die Verantwortlichen der Stadthalle nach Schließen der Eingänge Angst hatten, dass die Zuschauer, die keine Karten hatten, die Glasscheiben eindrücken würden.“

Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs zog sich Selenkowitsch aus dem Veranstaltungsmarathon zurück. Vielleicht genau zum richtigen Zeitpunkt: Die Zeiten änderten sich, die Menschen wollten lieber Fußball und den Boxer Henry Maske sehen. „Wir haben mit dem größten Zuschauerzuspruch überhaupt 1986 aufgehört“, sagt sein Sohn. Das Zepter übernahm nun Wanz, der mit dem Claussen-Nachfolger Heinz Seesing eine andere Strategie verfolgte. Die beiden wollten das Publikum mit „mehr US-Show“ bei der Stange halten, meint Michael Selenkowitsch. Soll heißen: mit mehr Show als Sport, während sein Vater neben der Show auch den Ringkampfsport hochgehalten habe.

Lange ging das nicht gut, Wanz konnte an die Erfolge seines Mentors nicht anknüpfen. Zu Wanz hielt der Sohn dennoch Kontakt. Kurz vor seinem Tod im September 2017 habe Wanz ihm gesagt: „Michael, die schönste Zeit in meinem Leben hatte ich als Ringer bei deinem Vater. Immer Spaß, Geld, keinen Ärger und viel Zeit!“ Seiner Profession blieb Nicola Selenkowitsch als Geschäftsführer des Internationalen Berufsringkämpfer-Verbands bis zuletzt treu, im Viertel betrieb er das Ecklokal „Bei Nico“. Im Juni 2004 starb er im Alter vom 76 Jahren. Seine Enkelin ist die Vielseitigkeitsreiterin Joelle Selenkowitsch aus Achim.

Keine Frage: Catcher fliegen aufeinander. Immer gegen Jahresende pilgerten wahre Menschenmassen zu den Catch-Turnieren von Nicola Selenkowitsch in die Stadthalle, hier eine Aufnahme vom November 1979.  
Foto: Walter Schumann

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