Zwei gebürtige Bremer, Felix Hartlaub und Friedo Lampe, verfassten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts literarische Texte, die sie als so bedeutende wie innovative Schriftsteller ihrer Generation ausweisen. Beide Autoren lebten in Berlin, als der Zweite Weltkrieg begann, kannten sich aber nicht. Beide Autoren verloren 1945 während der Kriegswirren ihr Leben.

Ein ungleiches Brüderpaar: Georg (links) und Friedo Lampe um 1912.
Foto: Harro Scholvin

Friedo Lampe ist aus bremischer Sicht schon deshalb ein rühmenswerter Schriftsteller, weil seine Kurzromane Am Rande der Nacht und Septembergewitter auf seinem Erleben in der von Flächenbombardements noch unzerstörten Wesermetropole der Zeit um 1912 spielen. „Der Wagen der Linie Eins … fuhr durch die Hafenstraße. Er hielt. Ein Betrunkener kam aus Bellmanns Restaurant. Durch die einen Augenblick geöffnete Tür drang Orchestrionmusik und Gelächter. Der Schaffner hielt den Besoffenen zurück, drängte ihn energisch vom Trittbrett. … Der Mann blieb drohend zurück. ‚Daß die Bande einem den ganzen Wagen vollkotzt‘, sagte der Schaffner zu Oskar und Anton. Die beiden Studenten nickten zustimmend, mit ernster sachverständiger Miene. Der Schaffner blickte auf ihre großen Handkoffer. ‚Wohl mit der Adelaide?‘ fragte er. ‚Ja‘, sagte Anton, ‚Rotterdam‘. ‚Beneidenswert, jetzt so im September übers Meer zu fahren‘, sagte der Schaffner.“

Der promovierte Literaturhistoriker Friedo Lampe war ein hervorragender und hochgeschätzter Literaturkenner, Literaturvermittler und Lektor. Er ermutigte zahlreiche Autorinnen und Autoren, be- und überarbeitete ihre Manuskripte und entwarf Buch-Klappentexte. Zunächst für den Rowohlt und H. Goverts Verlag, ab Mitte 1940 und bis zu seinem Lebensende für den Karl Heinz Henssel Verlag. Er lektorierte nicht zuletzt Hans Falladas Werke Wolf unter Wölfen und Der eiserne Gustav. Friedo Lampe publizierte zu Lebzeiten seine Dissertation über Goeckingks Lieder zweier Liebenden, zwei Romane, eine Ballade und 13 Erzählungen. Zudem war er ein kenntnisreicher Herausgeber. Nach seinem frühen Tod am 2. Mai 1945 knüpften nicht zuletzt Alfred Andersch, Hans Bender und Wolfgang Koeppen ausdrücklich an sein magisch realistisches Werk an.

Am 4. Dezember 1899 war der kurz Friedo gerufene Christian Moritz Friedrich Lampe in der Bülowstraße 12 zur Welt gekommen – mitten in dem gerade erbauten Wohnviertel zwischen der Nordstraße und dem 1888 eröffneten Freihafen I. Seine Eltern waren die damals 25-jährige Anna Lampe, geborene Bollmann, und der 40-jährige Versicherungskaufmann Friedrich Lampe, der mit einem Kompagnon das auf die Seeassekuranz spezialisierte Unternehmen Lampe & Schierenbeck betrieb. Einen älteren Bruder gab es auch – den im Juni 1897 geborenen Georg.

1905 erkrankte Friedo Lampe an Knochentuberkulose, die dann zwei Jahre lang in einem Kindersanatorium auf Norderney behandelt wurde. Nach seiner Rückkehr – die Familie residierte inzwischen in einem größeren Haus in der Altonaer Straße – galt die Tuberkulose als ausgeheilt. Allerdings wies sein Fußgelenk eine Versteifung auf, die eine leichte Gehbehinderung bewirkte. Ab dem April 1908 besuchte Friedo Lampe die „private Vorschule zur Hauptschule von Daniel Müller“ in der Schillerstraße. Sie lag gut 1,5 Kilometer vom Elternhaus entfernt, wobei ein Großteil des Weges durch die Wallanlagen führte.

Sinnierender Radfahrer: In den 1920er Jahren verdeckte das Weserstadion noch nicht den Blick in die Ferne.
Quelle: Vereinsarchiv des SV „Weser“

Der Grünzug mit dem sich malerisch schlängelnden Stadtgraben fesselte den ABC-Schützen nachgerade, wenn er zwischen dem Stephani- und Herdentor unterwegs war oder in den Anlagen herumtollte und dabei dem Treiben in der Natur zusah. „Die Schwäne auf dem Wallgraben schlummerten neben dem Häuschen, den Kopf im Gefieder, und aus dem moorigen Wasser stieg fauliger Dunst. Und die Kröten kamen nach oben und gurgelten langgezogen aus ihren breiten Kehlen heraus, ihre Augen glotzten kristallen auf die Ratten, die zwischen den Baumwurzeln am Uferrand hinhuschten…“, heißt es in Am Rande der Nacht.

Von 1910 an ging Friedo Lampe auf die Oberrealschule an der Dechanatstraße. Sie lag – wie auch das benachbarte Alte Gymnasium – in dem Gebäude der gegenwärtigen Hochschule für Künste. In der Freizeit gab es in „seinem“ Hafenviertel viel zu sehen und erleben. Geprägt wurde es von den beiden (inzwischen stillgelegten) Freihäfen mit ihren Schuppen, Gleisanlagen, Speichern und wasserdruckbetriebenen Kränen für den Umschlag von Tabak, Tee, Kaffee, Wein, Baumwolle, Jute, Reis, Getreide und anderem mehr. Unüberseh- und hörbar auch die Vergnügungsstätten aller Art – an Gasthäusern, Schenken, Bierhallen, Varietés und Restaurationen mangelte es nicht. Schon gar nicht in der von der Straßenbahn befahrenen Hafenstraße.

Millionäre am Osterdeich

Geradezu lesesüchtig: der junge Friedo Lampe, hier im Alter von 17 Jahren.
Foto: Harro Scholvin

1914 bezog Familie Lampe das neuerbaute Jugendstilhaus am Osterdeich 86. Zu jener Zeit lebten an dieser Straße mehr als zwanzig Millionäre, und zweifellos gehörte auch Friedrich Lampe zu den Bremer Kaufleuten, die keinen Pfennig zweimal umdrehen mussten. Die erste Etage beherbergte Schlaf- und Badezimmer sowie einen gen Süden ausgerichteten größeren Balkon mit Liegestühlen, das Dachgeschoss barg Dienstmädchenzimmer und die Kammer von Friedo. Sie lag an der Straßenseite und hatte ein kleines Fenster, durch das der Blick auf die Promenade an der Weser, den von dampfenden Binnen- und Ausflugsschiffen, Segel- und Ruderbooten befahrenden Fluss selbst und den Stadtwerder ging.

Das Geschehen auf der Weser und dem Stadtwerder hat Friedo Lampe, der zu dieser Zeit eine nachgerade süchtige Lese-Leidenschaft entwickelte, literarisch im Septembergewitter verewigt. Am 11. August 1917 musste der gehbehinderte junge Mann kriegsbedingt den Arbeitsdienst beim Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 75 in der Bremer Neustadt antreten. Die Kasernenanlagen lagen auf dem Gelände zwischen der heutigen Friedrich-Ebert- und der Langemarckstraße. Auf der Seite der Neustadtscontrescarpe befanden sich die Exerzier- und Sportplätze. Erhalten geblieben ist das spät-klassizistische Kasernengebäude IV, es dient noch der Polizei.

Wallanlagen als Homosexuellen-Treff

Friedo Lampe war homosexuell. Da jedoch der 1872 eingeführte § 175 des Strafgesetzbuchs sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte und (bis 1969) „mit Gefängniß“ bedrohte, war er sein ganzes erwachsenes Leben lang gefährdet. Seinen Briefen zufolge hatte der Abiturient keine – schriftlich wahrnehmbaren – Probleme damit, anders als die anderen zu sein. Beliebte Treffpunkte der Homosexuellen befanden sich früher in den Friedo Lampe so vertrauten Wallanlagen zwischen den im Krieg zerstörten Gebäuden von Hillmanns Hotel am Herdentorsteinweg und dem Stadttheater bei der Bischofsnadel.

Die Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs, die über 60 Prozent des bremischen Stadtgebiets zerstörten, legten das Hafenviertel, in dem Friedo Lampe bis zu seinem 14. Lebensjahr zuhause war, völlig in Schutt und Asche. Es gibt dort so gut wie nichts mehr von all dem, was er noch bestaunen, memorieren und in seinen beiden Romanen verewigen konnte.

Übrigens sollte sich niemand über die irritierenden Eigennamen im 1937 erschienenen Roman Septembergewitter, der 1968 von Radio Bremen verfilmt wurde, wundern. Etwa über die Ägidien-Kirche, mit der tatsächlich die dann im Krieg zerstörte Ansgarii-Kirche gemeint ist. Auf den Ratschlag seines Freundes Johannes Pfeiffer hin hatte Lampe die meisten bremischen Örtlichkeiten – mit Ausnahme des Bürgerparks – kurz vor der Drucklegung namentlich verschleiert, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden.

Wobei es Tagenbaren wohl kaum schwer fällt, sie zu enträtseln.

Maritimer Touch: der junge Friedo Lampe um 1910 im zeittypischen Matrosenanzug.
Foto: Harro Scholvin

Lebensstationen von Friedo Lampe

1899: Geburt in Bremen

1905-1907: Kindersanatorium Dr. Schlichthorst, Norderney

1907-1919: Vorschule, danach Oberrealschule in Bremen

1917-1918: Militärersatzdienst im E/Res. Inf. Regt. Nr. 75

1920-1928: Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Heidelberg, München, Leipzig, Freiburg

1928: Dissertation über Leopold Friedrich von Goeckingks „Lieder zweier Liebenden“

1928-1931: Mitarbeit im Schünemann Verlag und an „Schünemanns Monatsheften“; Feuilleton-Redakteur der „Bremer Nachrichten“ und „Weser-Zeitung“

1931/32: Ausbildung zum Volksbibliothekar bei Erwin Ackerknecht, Stettin

1932-1937: Volksbibliothekar in den Öffentlichen Bücherhallen Hamburg

1933: Der Roman „Am Rande der Nacht“ wird von den Nazis wegen sittlich anstößiger Themen verboten.     

Juni 1937: Umzug nach Berlin Grünheide, Lektor im Rowohlt Verlag, der Roman Septembergewitter erscheint

1939: Ende der Tätigkeit für Rowohlt; freier Mitarbeiter für den Verlag H. Goverts, Umzug nach Berlin-Charlottenburg

1940: Beginn der Mitarbeit im neuen Verlag von Karl Heinz Henssel, Berlin

1943: am 22./23. November totale Zerstörung der Wohnung; Umzug nach Kleinmachnow bei Berlin

1944-45: Dienstverpflichtet im „Seehaus“ des Auswärtigen Amts, Wannsee

2. Mai 1945: Tod durch – irrtümliches – Erschießen bei Kleinmachnow

Johann-Günther König: Friedo Lampe. Eine Biographie. Wallstein Verlag 2020,
390 S., 20 Abb., Schutzumschlag, 28 €

In feinem Zwirn: Friedo Lampe 1917 mit Bruder Georg und seinen Eltern Friedrich und Anna Lampe.
Foto: Harro Scholvin

Cover_Pizarro

Würdigung einer Legende

Pizarro

Claudio Pizarro hat Werder Bremen geprägt wie kein zweiter Fußballer: er hat die meisten Tore geschossen, er hat sie vor allem verteilt in vier Jahrzehnten geschossen. An Superlativen mangelt es bei ihm nicht. Doch nun ist endgültig Schluss, der Peruaner beendet im Alter von 41 seine aktive Karriere. Grund genug, zurückzublicken auf eine einmalige Zeit, auf Höhepunkte, auf sein Leben, seine Herkunft und die besonderen Pizarro-Momente.

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