Als Laudator für Literaturpreisträger Paul Celan sprach 1958 ein Mann mit NS-Vergangenheit

Vielleicht sollte es eine Kompensation für die mangelnde Präsenz der Dichter in der Stadt sein, dass der Bremer Senat zu Beginn der 1950er-Jahre einen der bedeutendsten Preise für Autoren der Bundesrepublik ins Leben rief: den Bremer Literaturpreis. Er wurde erstmals 1954 vom Senat vergeben. Schon sechs Jahre nach der Erstverleihung gab es einen handfesten Skandal um diesen Preis. Die Jury hatte als Preisträger Günter Grass (1927-2015) für seinen Roman „Die Blechtrommel“ vorgeschlagen. Der Bremer Senat sprach sich aber gegen das Werk aus, besonders die sozialdemokratische Senatorin Annemarie Mevissen (1914-2006) machte sich für die Ablehnung stark, weil der Roman „pornographisch“ sei.

Es gab noch einen anderen Skandal, der eine Preisverleihung betraf, im eher konservativen Bremen aber gar nicht registriert worden ist, ob mit Absicht oder versehentlich mag dahingestellt sein. Er betraf die Preisvergabe an den Lyriker Paul Celan (1920-1970). Dieser Skandal hat eine Vorgeschichte, die weitgehend bekannt ist, zum besseren Verständnis des Sachverhalts aber hier angeführt werden muss. Von 1953 bis 1958 war der Bremer Schriftsteller, Architekt und Designer Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) Vorsitzender der Jury für den Literaturpreis der Stadt Bremen. Er hatte sich als Dichter weit über seine Vaterstadt hinaus einen Namen gemacht, er war Mitbegründer der Zeitschrift Die Insel, aus der dann der Insel-Verlag hervorgegangen ist.

Vorbehalte gegen Paul Celan

Aus heutiger Sicht stellt sich das Lebens- und Schaffensbild dieses Autors sehr „ambivalent“ dar. Als erster hat der Bremer Kunsthistoriker Kai Artinger auf diesen Tatbestand hingewiesen. Denn Schröder soll dem NS-Regime ferngestanden haben, ja er soll ein entschiedener Gegner des Hitlerstaates gewesen sein und schon frühzeitig vor ihm gewarnt haben, so behaupten seine Verteidiger.

Als Zweifel an der Rolle des Dichters im „Dritten Reich“ immer lauter geäußert wurden, gab die Schröder-Stiftung ein Gutachten in Auftrag, zusammen mit Recherchen unabhängig von der Stiftung arbeitender Wissenschaftler ergab sich folgendes Bild: Schröder kann wohl kaum in der NS-Zeit ein „unerwünschter Autor“ gewesen sein, denn er fungierte in Bremen als Ortsgruppenleiter des Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller, was ihm entscheidenden Einfluss auf die Literaturentwicklung in der Hansestadt sicherte.

In trauter Eintracht mit dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Böhmcker: Rudolf Alexander Schröder im Januar 1938 bei der Verleihung der Plakette für Kunst und Wissenschaft (linkes Bild: sitzend links, rechtes Bild: links).
Quelle: Bremer Zeitung/Arn Strohmeyer

Nach diesem „Warner“ heißt heute noch die Stiftung, die den Bremer Literaturpreis vergibt. Im Jahr 1958 erhielt der aus der rumänischen Bukowina stammende, aber in deutscher Sprache schreibende jüdische Lyriker Paul Celan vom Bremer Senat diese Auszeichnung. Über diesen Kandidaten hatte es in der Jury aber eine handfeste Auseinandersetzung gegeben. Es dauerte insgesamt drei Jahre, bis sich in der Jury eine Mehrheit für Celan fand. Es ist überliefert, dass Schröder sich vom „Schreck über die mir zugemutete Wahl“ Celans kaum zu erholen vermochte.

Schröder hatte also lange versucht, die Auszeichnung Celans zu verhindern. Außerdem war er wenig davon angetan, dass sie – als sie dann doch stattfand – ausgerechnet mit der Feier seines 80. Geburtstages zusammenfiel. Spielte bei dem Widerstand Schröders vielleicht auch eine Rolle, dass Celan Jude und Holocaust-Überlebender war? Dieser Antisemitismus-Verdacht ist natürlich nicht belegt und reine Spekulation, nach dem Wirken Schröders im „Dritten Reich“ aber keineswegs undenkbar.

Eine merkwürdige Wahl

Denn mehr als merkwürdig ist die Wahl des Laudators, der für Celan die Festrede halten sollte: der NS-Autor Erhart Kästner! Und das ist der Skandal, von dem hier die Rede sein soll. Denn Kästner, der ursprünglich Bibliothekar war, trat 1939 in die NSDAP ein und meldete sich im selben Jahr bei Kriegsbeginn sofort freiwillig für den Eintritt in die Wehrmacht. Da er behauptete, über (wenn auch geringe) Kenntnisse des Neugriechischen zu verfügen, wurde er 1941 ins von den deutschen Truppen besetzte Griechenland versetzt, erst nach Thessaloniki, dann nach Athen.

So konnte Kästner auf Kosten und mit Hilfe der Wehrmacht das besetzte Land und die Inseln bereisen und drei Bücher schreiben: Griechenland. Ein Buch aus dem Kriege (1942), Kreta (1946) sowie das spätere Werk Griechische Inseln (1975). Besonders die beiden ersten Bücher waren reine Propagandatexte. Das Griechenland-Buch wurde an die deutschen Soldaten in Hellas verteilt, das Kreta-Buch kam allerdings erst heraus, als der Krieg schon beendet war. Griechenland fand die allerhöchste Anerkennung beim Oberkommando der Wehrmacht, es wurde als „herrlich“ beurteilt. Kästner selbst schrieb stolz: „Bis ins Führerhauptquartier ging es [das Buch]. Es ist gut beurteilt worden.“

Offenbar im Unklaren über die Verhältnisse in Bremen: Preisträger Paul Celan.
Foto: Willi Antonowitz/dpa

Kästner bejahte in seinen Texten die deutsche Eroberung Griechenlands vorbehaltlos, da es sich im Grunde um eine „Heimkehr“ der germanischen Deutschen „in die alte Heimat“ handelte. Denn nordische Einwanderer hätten einst das Land besiedelt und die antike griechische Hochkultur begründet. Reinrassige Griechen wie zur Zeit des Perikles, Platon und Aristoteles gab es aber nach Ansicht des Autors in Hellas nicht mehr, weil deren nordisches Blut längst von slawischem und albanischem Blut überlagert bzw. verdrängt worden war.

Als Kästner 1941 mit der Bahn von Thessaloniki nach Athen unterwegs war, musste am Fuße des Olymp auf der eingleisigen Strecke ein Gegenzug der Wehrmacht halten. Sein Eindruck: „Da waren sie, die ‚blonden Achaier’ Homers, die Helden der Ilias. Wie jene stammten sie aus dem Norden, wie jene waren sie groß, hell, jung, ein Geschlecht prahlend in der Pracht seiner Glieder.“

Getreu der NS-Rassenideologie, der Kästner anhing, waren die antiken Griechen, die ja Abkömmlinge germanischer Nordvölker gewesen sein sollen, Menschen von „höherem Geleucht, rein, sauber und klar: die weißen Götter“. Für die modernen Griechen hatte er nur Verachtung übrig, er diffamiert sie als „Affengesichter“, „Levantiner“, „schwarzen Pöbel“ und „Lemuren“ (eine Halbaffenart auf Madagaskar). Der deutsche Historiker Hagen Fleischer hat Kästner einen „Arno Breker der Feder“ genannt.

Empathie war Kästners Sache nicht. Nach dem Krieg hat er kein Wort der Entschuldigung für seine furchtbaren Texte gesagt oder geschrieben. Ganz im Gegenteil, er hat die „braunen“ Stellen in seinen Büchern gestrichen, sie verharmlosend umgeschrieben. Die Passage mit den deutschen Soldaten auf dem Zug am Olymp lautete in seinem korrigierten, neuen Griechenlandtext Ölberge. Weinberge. Ein Griechenlandbuch nun:  „In junger Nacktheit tummelte sich am Fuß des Olympos die landfremde Schar, und unversehens wehte homerische Luft. Mit Ahnungslosen malte die Landschaft sich ein Erinnerungsbild.“ Nun waren aus den kühnen Helden von Kreta, den „prachtvollen blonden Achaiern Homers“, auf einmal „Ahnungslose“ geworden.

Gereinigte Bücher neu herausgegeben

Kästner gab seine um die „braunen“ Passagen gereinigten Bücher nach 1945 neu heraus – im Insel-Verlag, den der Bremer Rudolf Alexander Schröder mitbegründet hatte! Hier spielten wohl alte Beziehungen eine Rolle. Und nun sollte dieser NS-Autor, der inzwischen ein angesehener und renommierter Direktor der Lessing-Bibliothek in Wolfenbüttel war, im Januar 1958 die Laudatio für den dem Holocaust gerade noch entkommenen jüdischen Lyriker Paul Celan halten. War es ein Zufall, dass Rudolf Alexander Schröder gerade Erhart Kästner als Laudator ausgewählt hatte? Da hatte offenbar jede Sensibilität dafür gefehlt, dass man einen jüdischen Dichter und Holocaust-Überlebenden nicht mit einem Propagandisten der NS-Rassenideologie als Festredner zusammenbringen konnte.

Als Paul Celan am 26. Januar 1958 im Rathaus der Hansestadt den Bremer Literaturpreis entgegennahm, kam nichts von dem hier Geschilderten zur Sprache. Erhart Kästner erging sich in Allgemeinplätzen über Poesie, blendete die jüngste Geschichte vollständig aus, sprach die „Verschlüsselung und Verrätselung“ von Celans Sprache an und meinte aber dennoch einen Zugang zu ihr zu haben, weil da, wo „Verschlüsselung“ sei, auch „Aufschluss“ sei, wo „Rätsel“ sei, da sei auch „Rat“.

Vereint, aber nicht einig: Festakt zur Verleihung des Bremer Literaturpreises an Paul Celan (fünfter von links) und Rudolf Alexander Schröder (zweiter von links).
Quelle: Archiv

Diese Worte, die ein eher hohles Wortgeklingel sind, sagt Erhart Kästner einem Mann, der – traumatisiert von der Schreckensgeschichte des Jahrhunderts und der eigenen Biografie – nie „Heimat“ und „Land“ gefunden hat, sondern am 19. oder 20. April 1970 am Pont Mirabeau in Paris in die Seine ging, um seinen Leben ein Ende zu setzen. Wolfgang Emmerich, vielleicht der beste Kenner seines Werkes, vermutet als Grund für diesen Schritt: „Schon sehr früh, von 1943 an, ist Celans Gedichten die Sehnsucht des Autor-Ichs eingeschrieben, sich mit der toten Mutter, mit allen unschuldig Gemordeten zu vereinigen. Viele seiner Gedichte imaginieren solche Vereinigung oder doch wenigstens eine Annäherung an sie. Gab es einen anderen Weg als den Freitod, um die Kluft zwischen den tatsächlichen Opfern und den Überlebenden zu schließen?“

In Bremen hat sich Paul Celan in seiner Ansprache artig für die Verleihung des Preises bedankt. Wusste er um die Umstände der Abneigung Rudolf Alexander Schröders ihm gegenüber und um die NS-Vorgeschichte des Laudators? Man weiß es nicht, er deutete es auch nicht an. Er ging nur auf die Sprache seiner Gedichte ein, auf die tiefe Kluft zwischen der Mutter-Sprache und der Sprache der Täter. Es gibt ein Foto von der Preisverleihung. Da steht ein freundlich lächelnder Paul Celan neben einem mürrisch dreinblickenden Rudolf Alexander Schröder. Zitiert wird in der Bildunterschrift ein Satz aus Schröders Rede zu Ehren Celans: „Zwei Schiffe, die sich auf der Fahrt begegnen, mein Kurs geht nach Norden, der Ihre nach Süden. Ich wünsche Ihnen einen hellen Lebensmittag.“ Was auch immer das heißen mag.

Arn Strohmeyer, Jahrgang 1942, hat Philosophie, Soziologie und Slawistik mit dem Abschluss Magister studiert. Er hat dann als politischer Journalist an verschiedenen Tageszeitungen und einer politischen Monatszeitschrift gearbeitet. Neben dieser Tätigkeit hat er mehrere Bücher geschrieben. Seine besonderen Themenschwerpunkte waren dabei die kritische Aufarbeitung der NS-Zeit, Griechenland (speziell Kreta) und der Nahe Osten. Strohmeyer lebt und arbeitet heute als Schriftsteller in Bremen.

Verleihung verschoben: Die eigentlich für den 18. Januar angesetzte Verleihung des Bremer Literaturpreises an Marion Poschmann wird wegen der Pandemie verschoben. Das hat die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung mitgeteilt. Sobald eine feierliche Veranstaltung in der Oberen Rathaushalle wieder möglich ist, soll die Verleihung nachgeholt werden.

 

Von der zweifelhaften Vergangenheit seines Laudators dürfte der jüdische Lyriker Paul Celan nichts gewusst haben –   hier am 26. Januar 1958 in Bremen beim Festakt zu seinen Ehren.
Foto: Rosemarie Rospek / Fleischer

Mein Bremen

Die Stadt in Bildern von 1968-1983, Teil 3

Aus dem Fundus der Leserinnen und Leser des WESER-KURIER: Viele neu entdeckte Fotos aus dem Bremen des vergangenen Jahrhunderts. Die Bilder dokumentieren die ereignisreichen Jahre zwischen den Straßenbahnunruhen 1968 und der Schließung der Großwerft AG Weser 1983 In diesen Jahren vollzogen sich in Bremen große Wandlungsprozesse in der Gesellschaft, der Architektur und der Politik, die Bremen nachhaltig prägten und bis in die heutige Zeit nachwirken.

Jetzt bestellen