Nach dem Mauerfall kamen viele Besucher aus dem Osten – das sorgte für unerwartete Probleme

Millionen Menschen sitzen am Abend des 9. Novembers 1989 im Osten und Westen vor dem Fernseher. Verfolgen die Nachrichten. Es fällt das berühmte Schabowski-Zitat: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“ Die Menschen können es kaum fassen. Die Mauer ist offen. Unsere Zeitung titelt am Freitag, 10. November 1989: „28 Jahre nach dem Mauerbau: Freie Fahrt in den Westen.“ Millionen DDR-Bürger nutzen die Chance. Auch Bremen empfängt zahlreiche Besucher, viele kommen aus der Partnerstadt Rostock.

Viele der Besucher aus der DDR kauften erst einmal ein. Wie lange die Geschäfte am Sonnabend geöffnet bleiben dürfen, wurde kontrovers diskutiert.
Foto: Jochen Stoss

In die Freude über die Grenzöffnung mischte sich allerdings auch Sorge. Wo sollen all die Menschen unterkommen? Zusätzliche Notunterkünfte wurden eingerichtet. Die Politik diskutierte darüber, leerstehende Häuser zu beschlagnahmen und ob die Menschen in Bunkern untergebracht werden könnten. „Bremen versucht alles, um die scheußliche Bunkerlösung hinauszuschieben oder zu verhindern“, sagte der damalige Sozialsenator und spätere Bürgermeister Henning Scherf. Kurz nach dem Mauerfall war nämlich unklar, ob die DDR-Bürger nach einem Besuch im Westen auch wieder nach Hause fahren würden. Schließlich bedeutete bislang eine Ausreise aus der DDR, dass die Betroffenen in der Regel nicht mehr zurück konnten. Unsere Zeitung beschrieb am Sonnabend, 11. November, wie Zehntausende Berliner von Ost nach West zogen: „Entgegen vielfacher Erwartungen kehrte aber der weit überwiegende Teil der Ost-West-Besucher in die Heimat zurück.“

In den ersten Tagen nach der Grenzöffnung legte sich die erste Aufregung allmählich. Es wurde klar: Die meisten DDR-Bürger wollten im November 1989 endlich sehen, wie es im Westen zugeht. Aber nicht dauerhaft übersiedeln. So war Bremens Innenstadt am ersten Wochenende nach dem Mauerfall voll mit Besuchern aus dem Osten. Sie kauften ein, trafen alte Freunde oder sogar Familienmitglieder wieder. Überall parkten Trabis, Ladas und Wartburgs, viele auch in Parkverbotszonen. Die Polizei drückte bei den Falschparkern aus dem Osten allerdings beide Augen zu: „Wir können denen doch ihre paar Mark nicht auch noch mit einem Bon abnehmen.“ Und setzte darauf, dass die Situation sich nach dem ersten Ansturm normalisieren werde. Wie viele es genau am ersten Wochenende waren, lässt sich nicht sagen. Der Andrang bei den Postämter war auf jeden Fall sehr groß. Diese gaben nämlich das Begrüßungsgeld von 100 Mark aus. Bis zum späten Abend standen die Menschen an. „Schlangestehen können wir am besten“, hieß es von einigen Wartenden.

Die Rostocker ließen nicht lange auf sich warten

Die Bremer freuten sich über die Gäste. In der Rostocker Ostsee-Zeitung wurde sogar zu einem Besuch in Bremen eingeladen: „Dann werden wir Euch unsere Stadt zeigen.“ Die Rostocker ließen nicht lange auf sich warten. Die Stadt rechnete mit einem großen Besucheransturm am zweiten Wochenende nach dem Mauerfall. Ein Aufruf unserer Zeitung an die „hilfsbereiten Hansestädter“ fand großen Anklang. Zahlreiche Bremer stellten Gästebetten und Schlafsofas für die Besucher aus dem Osten bereit. So auch Magda und Bernd Engelmann, die ihre Schlafcouch vorbereiteten. Noch heute erinnert sich die Bremerin an damals. Es war klar, dass sie helfen wollten. Letzten Endes kamen bei Engelmanns aber keine DDR-Besucher unter, „weil sich so viele gemeldet hatten“.

Auf den Postämtern war der Andrang sehr groß: Die Besucher aus der DDR füllten hier die Anträge aus, um sich das Begrüßungsgeld auszahlen zu lassen.
Foto: Jochen Stoss

Tankstellen und Autowerkstätten stellten sich auf die DDR-Kundschaft ein. Der ADAC hatte am Sonnabend, 19. November, zu einem Trabi-Treff geladen. Dort gab es fachmännischen Rat zu den Fahrzeugen und sogar eine Zubehör-Tauschbörse. „Unser größtes Problem ist die Ersatzteilbeschaffung“, sagte Bernd Percher vom ADAC damals unserer Zeitung.

Wer nicht mit dem Auto anreiste, nahm die Bahn. Um dem großen Reiseaufkommen gerecht zu werden, wurde ein Sonderzug zwischen Rostock und Bremen eingesetzt. Wegen der hohen Nachfrage mussten an diesen noch weitere Wagons angehängt werden. Auch in der restlichen Bundesrepublik fuhren mehr Züge, die meisten von ihnen völlig überfüllt. Die Zahl der Verbindungen zwischen den beiden Staaten wurde verdoppelt, zwischen Wismar und Lübeck-Travemünde eine Fährverbindung eingerichtet. Ein zusätzlicher Grund für die vielen Besucher in Bremen könnte übrigens das in Rostock einige Tage lang kursierende Gerücht gewesen sein, in der Hansestadt gäbe es statt der üblichen 100 Mark Begrüßungsgeld 200 Mark.

Beim ADAC-Trabi-Treffen gab es fachmännische Hilfe bei der Reparatur des Zweitakt-Motors.
Foto: Rosemarie Rospek

Das Begrüßungsgeld gaben viele der Gäste aus der DDR gleich wieder aus. Sofern sie rechtzeitig in Bremen ankamen. Im Gegensatz zu vielen anderen bundesdeutschen Städten durften die Läden in Bremen am Sonnabend nicht länger aufmachen. Um 14 Uhr war Schluss. „Das kurzfristige Aussetzen der Ladenschlusszeiten hätte auch Bremen gut angestanden“, kommentierte Rosemarie Francke im WESER-KURIER. Sonnabends länger öffnen – 1989 bedeutete das, bis 18 Uhr – oder nicht: die Frage wurde in Bremen zwischen Politik, Gewerkschaften, Betriebsräten und Arbeitgeberverbänden heiß diskutiert. Erst knapp zwei Wochen nach dem Mauerfall ließ der Bremer Senat am letzten Novemberwochenende 1989 verlängerte Öffnungszeiten zu. Doch nicht alle Geschäfte zogen mit.

Auf dem Marktplatz war an den Wochenenden im November trotzdem viel los. Im Zelt des Deutschen Roten Kreuzes gab es am Sonnabend, 18. November, nicht nur Verpflegung, sondern auch Infos zur Stadt. Die Woche drauf hatten Feuerwehrleute sich freiwillig gemeldet und eine Gulaschkanone aufgebaut, aus der sie Erbsensuppe verteilten, gekocht von der Arbeiterwohlfahrt.

Auch Gastronomie und kulturelle Einrichtungen begrüßten die DDR-Besucher. So wollten etwa mehrere Restaurants auf Initiative der Kneipe „Rotkäppchen“ Getränke für Ostmark im Kurs 1:1 ausschenken. In der Oberen Rathaushalle gab es ein kostenloses Sinfoniekonzert und jede Stunde Besucherführungen durch das Rathaus. Der Eintritt für alle Theater und Museen des Landes fiel am zweiten Mauerfall-Wochenende weg, genauso wie der für das Kino Cinema Ostertor und den Bremerhavener Zoo am Meer. Und in der Eishalle, damals in der Stadthalle untergebracht, durften die Gäste gratis ihre Runden drehen.

Groß war die Freude am Hauptbahnhof, als die Züge aus Rostock einrollten.
Foto: Rosemarie Rospek

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Würdigung einer Legende

Pizarro

Claudio Pizarro hat Werder Bremen geprägt wie kein zweiter Fußballer: er hat die meisten Tore geschossen, er hat sie vor allem verteilt in vier Jahrzehnten geschossen. An Superlativen mangelt es bei ihm nicht. Doch nun ist endgültig Schluss, der Peruaner beendet im Alter von 41 seine aktive Karriere. Grund genug, zurückzublicken auf eine einmalige Zeit, auf Höhepunkte, auf sein Leben, seine Herkunft und die besonderen Pizarro-Momente.

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