Wie sich die Zeiten ändern: Kartenausschnitt von einem Stadtplan von 1926. Quelle: Privat

Wie sich die Zeiten ändern: Kartenausschnitt von einem Stadtplan von 1926.
Quelle: Privat

Ein Blick in die Geschichte (121): Alte Aufnahme zeigt Bauplätze von Baumwollbörse und „Union“-Gebäude

Nicht erst heute, auch schon früher waren mächtige Baugruben ein durchaus üblicher Anblick in der Bremer Innenstadt. Das gilt vor allem für die Zeit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als etliche Großbauprojekte der Altstadt an entscheidenden Stellen ein neues Gesicht gaben. So auch im Bereich der Wachtstraße, wo im Eckbereich zur Marktstraße von 1900 bis 1902 ein wahrer Prachtbau aus dem Boden gestampft wurde, die Baumwollbörse.

Und nicht nur das, in direkter Nachbarschaft wurde zugleich noch Platz geschaffen für einen zweiten Monumentalbau – das neue Gebäude der „Union“. In Wahrheit sind also zwei Bauplätze zu sehen, nicht nur einer. Was auch daran zu erkennen ist, dass der Bauzaun direkt an der Tiefer steht, dem späteren Standort des 1903 eingeweihten „Union“-Gebäudes. Wie es nicht allzu lange vor Beginn der Bauarbeiten aussah, illustriert dieses eindrucksvolle Fotomotiv, das als Bestandteil einer Sammlung von Ansichtskarten in Umlauf war.

Irreführend ist indessen die Jahresangabe auf dem Foto: Danach wäre die Baugrube schon 1889 und damit elf Jahre vor Baubeginn ausgehoben worden. Das ist natürlich Unfug, zumal die Häuser an der Ostseite der Wachtstraße erst 1898 abgerissen wurden. Dass es sich um eine falsche Jahresangabe handelt, ist auch unschwer an dem schon fertiggestellten Südturm des Doms zu erkennen. So weit war man damals noch lange nicht, die gesamte Dom-Restaurierung hatte überhaupt erst 1889 angefangen und dauerte bis 1901. Ein schönes Beispiel dafür, dass selbst zeitgenössische Angaben nicht unbedingt verlässlich sind. Womöglich handelt es sich um einen Zahlendreher, vermutlich ist die Jahresangabe aber erst viel später hinzugefügt worden.

Vor dem Abriss: Blick über die Weser in die Wachtstraße um 1895 - an der Ostseite: die Altbebauung. Bildvorlage: Hans Hermann Meyer, Die Bremer Altstadt, Bremen: Temmen 2003

Vor dem Abriss: Blick über die Weser in die Wachtstraße um 1895 – an der Ostseite: die Altbebauung.
Bildvorlage: Hans Hermann Meyer, Die Bremer Altstadt, Bremen: Temmen 2003

Grundstückseigentümer für Neubau der Baumwollbörse enteignet 

Dass für den Bau der Baumwollbörse ältere Häuser weichen mussten, versteht sich von selbst. Völlig reibungslos ging der Ankauf der Gebäude allerdings nicht vonstatten, einige Eigentümer protestierten. Zu stoppen war das Bauvorhaben damit jedoch nicht, der Bauherr ließ die umstrittenen Grundstücke mithilfe der Bürgerschaft 1897 enteignen. Immerhin gingen keine architektonisch wertvollen Bauten verloren.

Anders knapp 40 Jahre zuvor, als für den Bau der neugotischen Neuen Börse an der östlichen Marktseite eine Reihe uralter gotischer Patrizierhäuser abgerissen wurden, darunter das Balleersche Haus. Die enorme Ausdehnung des monumentalen Bauwerks ist auf dieser Ansicht von der Weser aus gut zu sehen. Ebenso wie die Straßenbahnschienen, die erst 1961 in die Balgebrückstraße verlegt wurden.

Nur noch Schrott: der abgestürzte Turm der Baumwollbörse im Oktober 1944. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Nur noch Schrott: der abgestürzte Turm der Baumwollbörse im Oktober 1944.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Errichtet wurde die Neue Börse von 1861 bis 1864 nach Plänen des damals hochangesehenen Architekten Heinrich Müller. Freilich hatte der historistische Baustil seinen Zenit schon vor dem Ersten Weltkrieg überschritten, nach dem Untergang des Kaiserreichs geriet er als Visitenkarte einer verflossenen Epoche vollends in Verruf. Bereits vor ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stand die Neue Börse in der Kritik, schon die NS-Städteplaner hätten sie am liebsten dem Erdboden gleichgemacht. Den Gefallen taten ihnen dann zumindest ansatzweise die alliierten Bomber: Das Hauptgebäude brannte im Dezember 1943 aus, die Ruine wurde 1955 abgetragen ohne dass sich auch nur eine Stimme für ihren Wiederaufbau stark gemacht hätte.

Längst verschwunden sind auch die beiden Türmchen, bis heute erhalten hat sich nur der Mitteltrakt und das halbrunde Nebengebäude, heute Börsenhof A. Seit seinem Umbau 2000/01 beherbergt das letzte Überbleibsel des Müller-Baus die Verwaltung der Bremischen Bürgerschaft.

Außen historistisch, innen hochmodern

Noch immer vorhanden ist dagegen die Baumwollbörse, allerdings keineswegs in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild. Pompös und hoffnungslos überfrachtet war der Fassadenschmuck, der Turm schraubte sich geradezu endlos in die Höhe. Doch hinter der historistischen Fassade im Stil der Neorenaissance steckte eine hochmoderne Innenkonstruktion. Von Beton und Mauerwerk umgeben, trug ein Eisengerüst sämtliche Decken und Wände. Für einiges Aufsehen sorgten 1912 herabstürzende Fassadenteile, die ein Todesopfer forderten. Architekt Johann Georg Poppe musste sich deswegen heftige Vorwürfe gefallen lassen. Fast zehn Jahre lang schützte eine Holzverschalung die Passanten, von 1921 bis 1924 wurde die Fassade dann gründlich von allem überflüssigen Zierrat befreit. Der Turm stürzte im Oktober 1944 nach einem Bombentreffer ein, seither muss die Baumwollbörse ohne ihren Dachschmuck auskommen.

Ein kleines Stück Neue Börse: Von der Wachtstraße ist heute nur noch der Mitteltrakt zu sehen. Foto: Frank Hethey

Ein kleines Stück Neue Börse: Von der Wachtstraße ist heute nur noch der Mitteltrakt zu sehen.
Foto: Frank Hethey

Fast vollends zerstört wurde zum gleichen Zeitpunkt das „Union“-Gebäude an der Wachtstraße/Ecke Tiefer. Die traurigen Überreste des einstigen Veranstaltungshauses blieben noch bis 1956 stehen, inzwischen gehört dieser Abschnitt zur Martinistraße.

Angesichts der heutigen Größenordnung möchte man es kaum glauben, aber die winzige Einmündung zur Linken ist eben diese Martinistraße. Zur Verkehrsachse wurde die Straße erst im Zuge des sogenannten Martini-Durchbruchs in den 1960er Jahren, doch damals reichte sie nur bis zur Zweiten Schlachtpforte. Am Eckgebäude ist die Aufschrift eben noch zu entziffern: „Theodor Meyenburg, Leder-Galanterie-Kurzwaaren-Handlung“. Gegenüber mündet die Tiefer in die Wachtstraße, das merkwürdige Häuschen vorne rechts ist ein Kiosk, der sich bereits direkt an der Großen Weserbrücke befand.

von Frank Hethey

Faszinierender Anblick: die Wachtstraße um 1898 - nicht wie schriftlich vermerkt 1889. Bildvorlage: Bestand Herbert Fuß

Faszinierender Anblick: die Wachtstraße um 1898 – nicht wie schriftlich vermerkt 1889.
Bildvorlage: Bestand Herbert Fuß

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