Vor 100 Jahren: Kriegsnagelungen im Ersten Weltkrieg in Bremen und umzu

Der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand wurde am 28. Juni 1914 bei einem Attentat in Sarajewo ermordet. Dieses Ereignis löste den Ersten Weltkrieg aus. Zum Jahreswechsel 1914/15 hatten die Kriegsparteien noch auf ein schnelles Ende des Krieges gehofft. Aber der Krieg zog sich hin. Es waren Tote und Verletzte zu beklagen und damit auch Witwen und Waisen. Um die Not der betroffenen Menschen zu lindern, rief man die Bevölkerung zu Sammelaktionen auf.

Dabei lebte auch ein heidnischer Brauch wieder auf. In Wien gab es nämlich einen bereits 1533 urkundlich erwähnten Nagelbaum. In diesen schlugen, wie es in der Donaumonarchie wohl schon seit dem Mittelalter Brauch war, insbesondere Reisende und Fahrende Nägel ein. Diesen glücksbringenden Brauch griffen die Wiener mit den sogenannten Kriegsnagelungen wieder auf. Anstatt einen Baum zu nehmen, entstand eine überlebensgroße Ritterfigur. Gegen eine Geldzahlung konnten Eisennägel in seinen hölzernen Leib geschlagen werden. Die Erstnagelung war am 6. März 1915. Die Sammlung war bestimmt für die Witwen und Waisen des Krieges.

Machte den Anfang: der Wiener Wehrmann in Eisen.
Foto: Thomas Ledl,
Thomas Ledl – Eigenes Werk
Wehrmann in Eisen
CC BY-SA 3.0 at

In Wien ging es los

Von Wien aus verbreiteten sich die Kriegsnagelungen zur Spendenbeschaffung über den gesamtem deutschsprachigen Raum, insbesondere in Österreich-Ungarn und im Deutschen Kaiserreich. Es war jetzt nicht mehr ein heidnischer Brauch nach einer guten Reise, sondern sollte die Solidarität mit den kämpfenden Soldaten und den Hinterbliebenen zeigen. Die Nagelungen sollten eindrucksvoll das Nationalbewusstsein zeigen und das Gemeinschaftsgefühl an der „Heimatfront“ stärken.

Es waren aber auch Kriegerdenkmäler, die da in den Jahren 1915/16 aus Holz geschaffen wurden. Die Vielfalt der Objekte war groß. Es gab recht aufwendige Nagelfiguren, die unter einem Dach standen, wie in Bremen der „Eiserne Roland“. Beliebt waren aber auch Eiserne Kreuze, Wehrschilde, Wehrmänner, Stadtwappen, Soldaten, Tierfiguren, Granaten und Kanonen, Bücher, Truhen, Tische, Türen usw. Komitees, Vereine, Privatleute und Wirte initiierten in vielen hundert Städten und Gemeinden diese Objekte zur Nagelung, die dann nach einem Entwurf von örtlichen Handwerkern oder Künstlern gefertigt wurden. Auch an vielen Schulen wurden fleißig genagelt.

Kriegsnagelungen in Bremen und umzu

Manche dieser Initiativen waren finanziell recht erfolgreich, andere weniger. So erbrachte das „Eiserne Buch“ im „kleinen“ Verden 70.000 Mark, der „Isern Hinnerk“ im „großen“ Oldenburg aber nur 20 000 Mark. Als der Krieg länger andauerte als erwartet, wurde die Bevölkerung zu immer neuen Spendenaktionen aller Art aufgerufen. Das bedeutete auch vielerorts bereits Ende 1916 das Ende der Nagelobjekte. Sie blieben meist noch eine Zeit lang öffentlich sichtbar stehen. Doch da der Erste Weltkrieg für Deutschland unrühmlich endete, verschwanden viele der Kriegsnagelobjekte in den Magazinen der Museen oder wurden zerstört. Einige wenige sind heute sichtbar ausgestellt.

Auflistung der Kriegsnagelungen in Bremen und umzu

Ort, Typ, Jahr der Erstnagelung

Achim, Eisernes Kreuz, 1915

Bassum, Eisernes Kreuz, 1915

Bremen-Arbergen, Eisernes Kreuz, 1915

Bremen-Mitte, Eiserner Roland, 1915

Bremen-Mitte, Bremer-Wappentisch 1917/18

Bremen-Mitte, Bremer Stadtwappen 1916

Bremen-Vegesack, Eiserne Truhe,1916

Bremerhaven, Kriegssäule, 1916

Delmenhorst, Stadtwappen, 1916

Elsfleth, Anker oder Nagelschild?, 1915

Oldenburg, Isern Hinnerk, 1915

Sottrum, „Heiliger Georg“, 1917

Stade, Goeben, 1915

Syke, Wappenschild, 1916

Vechta, Nagelbalken, 1916

Verden, Verden, Buch 1916

von Peter Strotmann

Von der Familie Gevekoht gestiftet, vom Kunstmaler Otto Bollhagen gestaltet: der Bremer Wappentisch von 1917.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

wk-geschichte_75jahre

75 Jahre WESER-KURIER

Pressefotografie und Pressefreiheit

. . . sind auch 75 Jahre Pressefotografie und Pressefreiheit in Bremen nach dem Zweiten Welt­krieg. Was waren die Menschen froh, als es am 19. Sep­tember 1945 wieder eine freie Presse gab, die unzensiert über die Ereignisse in der Stadt berichten durfte. Wir haben 75 Fotos aus acht Jahrzehnten ausgesucht, die in dem Sonderheft der Reihe WK|Geschichte zu sehen sind. Dazu ein Interview mit dem langjährigen WK-Fotografen Jochen Stoss und ein Gastbeitrag des Hochschulprofessors Rolf Nobel, dem Gründer des wohl renommiertesten Studiengangs für Fotojournalismus in Hannover.

Jetzt bestellen