Bei Sonnenschein vor der Türe: das Hotel Bellevue auf einem
Foto von 1890.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Gaststätten-Lexikon: Hotel „Bellevue“, das Hotel zur wunderschönen Aussicht

Der Konditor und Gastwirt Arend Wieting errichtete 1846 das Hotel „Bellevue“ an der Weserstraße 82. Dabei war es recht mutig, ein Gebäude am hohen Ufer etwa 20 Meter über dem Fluss zu errichten. Beinahe jeden Winter nagten Sturmfluten und Eisbarrieren am hohen Ufer der Weser und man befürchtete, dass es irgendwann verschlungen wäre. Sicherheit gab es erst nach 1883 durch die Weserkorrektion. Da wurde die Weser in ein festes Bett gebracht und das anfallende Baggergut als Vorland zum hohen Ufer aufgespült.

Doch Arend Wieting hatte alles richtig gemacht. Sein Hotel florierte. Von einer Plattform auf dem Dach, so wird berichtet, konnte man das Schloss und die Türme von Oldenburg, die Türme von Bremen und sogar den Dom von Verden sehen. Der Garten ging fast bis zum Weserufer. Noch 1885 war dies die einzige Stelle, an der die Öffentlichkeit Zugang vom hohen Ufer zur Weser hatte. Alle anderen Grundstücke waren in privatem Besitz. Wie auf der Ansichtskarte von 1909 zu sehen ist, gab es Anfang der 1900er Jahre auch einen Anleger. Der gehörte dem Vegesacker Ruderverein und dem Hotel Bellevue.

Werbung in eigener Sache: Gruß von Hôtel Bellevue auf einer
Ansichtskarte von 1898 – mit Blick auf die Weser und Lemwerder am gegenüberliegenden Ufer.
Quelle: Stadtteil-Archiv Bremen-Neustadt

Zum Ersten Weltkrieg: Hotel „Norddeutscher Hof“ statt Bellevue

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges (1914) wurde das Hotel „Bellevue“ in „Norddeutscher Hof“ umbenannt. Französische Namen waren damals verpönt, schließlich befand sich Deutschland im Krieg mit Frankreich. Ähnlich erging es den Chausseen, aus denen per Senatsbeschluss plötzlich Heerstraßen wurden. 1927 baute der damalige Besitzer eine große Terrasse unterhalb der Anhöhe mit Restaurant und Tanzfläche. Die Ansichtskarte von 1929 zeigt die gut besuchte Sommerterrasse. Auf der Weser fährt der Raddampfer „Lachs“ des Norddeutschen Lloyd vorbei.

Der Neubau: ein Mehrfamilien-Wohnhaus.
Zwischen den Häusern Weserstraße 81 und 82
ist die Aussichtsplattform am hohen Ufer.
Foto: Peter Strotmann

Anfang der 1970er war es offensichtlich: Das 1846 als Hotel „Bellevue“ errichtete Gebäude war nach fast 130 Jahren am Ende. Es hätte in allen Bereichen kernsaniert werden müssen. Aber weder die Stadt als Eigentümer noch der Pächter des „Norddeutschen Hofes“ wollten noch eine „müde Mark“ in das marode Gebäude stecken. Deshalb löste man den Pachtvertrag. Danach stand das Gebäude einige Jahre leer. Da zu befürchten war, dass es zum Schandfleck der Straße hätte verkommen können, wurde es 1976 abgerissen.

Die Norddeutsche schrieb dazu am 22. Juni 1976: „Mit Riesenschritten kommt der Abbruch des ehemaligen Hotels Norddeutscher Hof in der Weserstraße in Vegesack voran. Der einst stolze gastronomische Betrieb, in dem fast 130 Jahre unzählige gesellige und informative Veranstaltungen stattgefunden haben, gleicht nur noch einem Trümmerhaufen. In wenigen Tagen werden die Nordbremer von dieser Stelle einen guten Durchblick zur Weser haben.“

Ein Brief an Bürgermeister Koschnick

Noch 1979 war das im Besitz der Stadtgemeinde befindliche Grundstück nicht neu bebaut. Die Aufbaugemeinschaft Bremen schrieb am 9. September 1979 an den Bremer Bürgermeister Hans Koschnick:

Der „Vegesacker Balkon“ mit dem wunderschönen Ausblick,
links die Fußgängertreppe zur Vegesacker Weserpromenade.
Foto: Peter Strotmann

Von dem Grundstück bestand ein unmittelbarer Zugang zum Strandweg. Das Grundstück muss in irgendeiner Form wieder bebaut werden, um das Straßenbild zu schließen.

Die besondere Lage des Grundstücks verlangt eine hervorragende gestalterische Lösung für die Bebauung, die sich überzeugend in die gesamte Umgebung einordnet. Diese Aufgabe sollte durch einen Wettbewerb gelöst werden, da bisher alle Maßnahmen kein verantwortungsbewußtes Handeln deutlich werden ließen.

Soweit der Brief an den Bürgermeister Hans Koschnick.

Anfang der 1980er Jahre wird ein Neubau errichtet: ein Doppelhaus mit zwei Giebeln. Das Gebäude ist schlicht gehalten und passt sich der Straße an.

Der „Vegesacker Balkon“

Zwischen den Häusern Weserstraße 82 und 81, in Verlängerung zur Breite Straße, befindet sich der sogenannte „Vegesacker Balkon“. Das ist eine Aussichtsplattform, von der man vom hohen Ufer auf die Vegesacker Weserpromenade, die Weser und das gegenüberliegende Ufer schauen kann. Auch die Fußgängertreppe vom hohen Ufer zur Strandpromenade ist 1997 wieder hergestellt worden. Über diesen Zugang ist die Weser, wie in alten Zeiten, für die Öffentlichkeit weiterhin direkt erreichbar.

von Peter Strotmann

Attraktive Lage: der gemeinsamer Anleger vom Vegesacker Ruderverein und Hotel Bellevue auf einer
Ansichtskarte von 1909.
Quelle: Peter Strotmann

Mein Bremen

Die Stadt in Bildern von 1968-1983, Teil 3

Aus dem Fundus der Leserinnen und Leser des WESER-KURIER: Viele neu entdeckte Fotos aus dem Bremen des vergangenen Jahrhunderts. Die Bilder dokumentieren die ereignisreichen Jahre zwischen den Straßenbahnunruhen 1968 und der Schließung der Großwerft AG Weser 1983 In diesen Jahren vollzogen sich in Bremen große Wandlungsprozesse in der Gesellschaft, der Architektur und der Politik, die Bremen nachhaltig prägten und bis in die heutige Zeit nachwirken.

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