Vor 50 Jahren: Stadtteilbeiräte stellen sich gegen geplantes Trassenprojekt im Viertel

Wer heute durch die engen Gassen des Steintorviertels streift, stößt an der Mecklenburger Straße auf einen in seiner Umgebung überdimensioniert erscheinenden, von Robinien gesäumten, lang gestreckten Freiraum. Dieser wird an seinen östlichen und westlichen Enden als Autostellfläche, in seinem Mittelteil als mit Bänken und Spielgeräten ausgestatteter Platz genutzt, auf dem an einigen Tagen ein Wochenmarkt stattfindet. Der seltsame Ort zeigt heute noch am sichtbarsten die Spuren einer geplanten Verkehrsmaßnahme der Nachkriegszeit, die unter dem kuriosen Namen „St.-Pauli-Durchbruch“ in die Geschichte eingegangen ist.

Spielplatz statt Straßendurchbruch: 1980 eingeweiht.
Quelle: Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb)

Die Bezeichnung verweist auf die rund einen halben Kilometer weiter westlich gelegene kleine St.-Pauli-Straße, benannt nach dem Paulskloster, das sich im Mittelalter hier vor dem Ostertor angesiedelt hatte. Diese rund sechs Meter breite Straße zweigt im spitzen Winkel vom Ostertorsteinweg ab, betont durch ein mächtiges Eckgebäude mit Jugendstilelementen. An diesem Punkt sollte eine neue, mindestens 26 Meter breite „Entlastungsstraße“ beginnen und über die Theodor-Körner-Straße, Körner-Wall, Im krummen Arm, Mecklenburger Straße und Heidelberger Straße bis zur Lüneburger Straße durchstoßen.

Ziel des Projektes war eine Verkehrsverringerung am Osterdeich und im Straßenzug Ostertorsteinweg/Vor dem Steintor. Neben vier Fahrspuren sollten auch die Gleise der Straßenbahnlinien 2 und 3 hier verlaufen. Der Tatsache, dass eine solche Baumaßnahme einen erheblichen Eingriff in die historische Bausubstanz darstellte, waren sich die Planer bewusst. Sie argumentierten, dass ein verkehrsgerechter Ausbau der beiden älteren Straßenzüge einen noch größeren Eingriff zur Folge habe.

Eng verknüpft war diese Planung mit einem anderen Verkehrsprojekt: der „Osttangente“, die den Verkehr vom Breitenweg durch das Ostertorviertel zur geplanten Ostbrücke in Höhe der Mozartstraße leiten sollte und später „Mozarttrasse“ genannt wurde. Letztere ging als Teil eines geplanten „Tangentenvierecks“ auf Planungen aus den 1930er-Jahren zurück und wurde nach Kriegsende neu belebt. 1948 waren beide Verkehrsmaßnahmen, Osttangente und St.-Pauli-Durchbruch, in einer Broschüre des Bausenators veröffentlicht, ein Jahr später von der Bürgerschaft beschlossen und 1959 planungsrechtlich mit den Bebauungsplänen 418 und 419 festgelegt worden. Im Umfeld der zukünftigen Trassen galt damit ein generelles Bau- und Sanierungsverbot.

Ab durch die Mitte: So stellte der WESER-KURIER den geplanten Straßendurchbruch dar.
Quelle: Archiv

Die Stadt und einzelne Wohnbaugesellschaften begannen, Grundstücke aufzukaufen. Durch die bauliche Vernachlässigung und durch Gebäudeabrisse wirkten weite Teile im Ostertor- und Steintorviertel bald heruntergekommen. In einem Planungsgutachten für das Ostertor, das der in Hannover lehrende Städtebauprofessor Wilhelm Wortmann 1964 im Auftrag der Wohnungsbaugesellschaft Bremer Treuhand durchführte, sind in einem Schaubild neben Gebäuden, „die von der Verkehrsplanung betroffen sind“, auch Baublöcke und Gebäude „im schlechten Zustand“ markiert, was nach damaligem Verständnis so viel wie „abrissreif“ bedeutete. Und das betraf mehr als 50 Prozent der Häuser im Untersuchungsgebiet. Im Steintorviertel wäre Wortmann sicher zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt.

Für den St.-Pauli-Durchburch vorgesehen: Das Viertel, hier mit dem Körnerwall in den 1920er-Jahren.
Quelle: Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb)

Die Bremer Aufbaugemeinschaft (mehr dazu hier) und das Stadtplanungsamt warben aktiv für einen Umzug der Bewohner in die Neubauviertel am Stadtrand. 1961 heißt es in einem Bericht des WESER-KURIER: „Wenn die Bewohner am Ostertor zur Zeit noch nicht gern in neuzeitlich gestaltete Stadtteile umziehen, so glaube das Stadtplanungsamt doch, daß die Zeit für die Planer arbeiten wird. Die heranwachsende Generation werde bald erkennen, daß es sich in den weitläufig gebauten neuen Stadtteilen besser wohnen läßt.“ Eine Fehleinschätzung, wie sich keine zehn Jahre später herausstellte. Gerade die in den 1960er-Jahren heranwachsende Generation bildete den Kern einer sich formierenden Widerstandsbewegung gegen „Flächensanierung“ und „Trassenwahn“ in den innenstadtnahen Wohnquartieren.

Gruppen wie der Arbeitskreis Ostertorsanierung (AKO) verstanden es, geschickt in der Stadtteilpolitik, in den Beiräten Einfluss auszuüben. Und so kam es, dass bereits Ende Mai 1972 die beiden zuständigen Stadtteilbeiräte Mitte und Östliche Vorstadt einstimmig beschlossen, den Senat und die Baudeputation aufzufordern, die geltenden Bebauungspläne so zu ändern, dass der St.-Pauli-Durchbruch entfalle. Zu diesem Zeitpunkt glaubte niemand daran, dass das andere große Verkehrsprojekt, die Mozarttrasse (mehr dazu hier), noch zu verhindern sei. Es ging lediglich um eine städtebauliche Schadensbegrenzung.

Erst mehr als ein Jahr später scheiterte in einem dramatischen Entwicklungsverlauf auch dieses Bauvorhaben.Unter der Regie der „Bremischen Gesellschaft“ begann die behutsame Sanierung im Ostertor. Mit der Eröffnung des Spielplatzes an der Mecklenburger Straße im Juli 1980 und der Neugestaltung des für das Straßenprojekt einst freigeräumten Bereichs zwischen Grundstraße und Heidelberger Straße nach Plänen des Stadtplanungsamtes brach schließlich auch im Steintor ein neuer Zeitabschnitt an. Der „Politik den Weg zur Abkehr und Umkehr klargemacht“ zu haben, sei das wichtigste Verdienst der Bürgerinitiative gegen die Trassenplanungen gewesen, räumte Bürgermeister Hans Koschnick 2009 rückblickend ein.

Für einen massiven Eingriff vorgesehen: An der St.-Pauli-Straße sollte eine mindestens 26 Meter breite „Entlastungsstraße“ beginnen.
Quelle: Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb)

Von Anbiet bis Zuckerklatsche

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