Gaststätten-Lexikon: Das „Etablissement Strandlust“ in Vegesack eröffnete 1898 / Beliebtes Ausflugsziel, auch Prominenz ließ sich blicken

Ein traditioneller Werftstandort: Auf dem Längshelgen der Jantzen-Sagerschen-Werft wird ein Dreimaster gebaut. Gemälde von H. Fedeler, 1847 Quelle: Wikicommons

Ein traditioneller Werftstandort: Auf dem Längshelgen der Jantzen-Sagerschen-Werft wird ein Dreimaster gebaut. Gemälde von H. Fedeler, 1847
Quelle: Wikimedia Commons

Auf einer Landzunge entstand in den Jahren 1897/98 das „Etablissement Strandlust“. Wobei das Wort Etablissement eine Gaststätte der gehobenen Art bezeichnete. Es war eben keine Bierhalle oder Schenkwirtschaft, in die man nach Feierabend im Arbeitszeug hingehen konnte, sondern dazu zog man sein „Sonntagszeug“ an. Meist waren es besondere Anlässe, zu denen man die Strandlust aufsuchte, wie zu  Tanzveranstaltungen, Jubiläen, Vereinsfesten. Aber auch zu einem Sonntagnachmittagsausflug machte man sich „fein“. Heutzutage hat das Wort Etablissement eine etwas anrüchige Bedeutung.

Vegesack schwimmt im Geld

Es ist kaum zu glauben. Aber als die Stadt Vegesack 1875 der Zollunion beitrat (Bremen erst 1888), bekam sie für entgangene Einnahmen von Bremen eine erkleckliche Summe zum Ausgleich. Doch Vegesack ging es seinerzeit so gut, dass der Kämmerer dieses Geld im Haushalt „verstecken“ musste.

Noch ein Neubau: das Etablissement Standlust auf einer kolorierten Ansichtskarte von 1910. Quelle: Peter Strotmann

Noch ein Neubau: das Etablissement Standlust auf einer kolorierten Ansichtskarte von 1910.
Quelle: Peter Strotmann

Auch der selbstständigen Sparkasse Vegesack standen ausreichende Geldmittel zur Verfügung. Da ergab es sich, dass die 1770 gegründete Jantzen-Sagersche Werft ihren Betrieb einstellte. Witwe Sager verkaufte das Grundstück 1879 für 15.000 Mark (heute 150.000 Euro) an die Sparkasse Vegesack. Damit hatte sich das Geldinstitut das Gelände gesichert, auf dem knapp 20 Jahre später die „Strandlust“ entstehen sollte.

Zwischenzeitlich war durch die von Ludwig Franzius geplante und von 1887 bis 1895 durchgeführte Weserkorrektion das Baugelände mit Baggergut aus der Weser aufgefüllt und ein breiter Sandstrand an der Weser angelegt worden.

Goldrichtige Lage für eine lukrative Gaststätte

Somit war die Lage war goldrichtig für eine lukrative Gaststätte. Auf der weithin sichtbaren Landzunge, direkt am Anleger, am Fuße des mit Villen bestandenen steilen Weserhanges, unweit des Hafens entstand 1897/98 eine großzügige Anlage, und zwar das „Etablissement Strandlust“.

Es wurde am 1. August 1898 eingeweiht. Als Bauherr fungierte die Vegesacker Sparkasse, die es anschließend der Stadt Vegesack schenkte.

Flanieren und dinieren: die Gartenpromenade der Strandlust in Vegesack. Zum Sonntagsausflug hat man sich „fein“ gemacht. Quelle: Peter Strotmann, Ansichtskarte um 1910

Flanieren und dinieren: die Gartenpromenade der Strandlust in Vegesack. Zum Sonntagsausflug hat man sich „fein“ gemacht.
Quelle: Peter Strotmann, Ansichtskarte um 1910

Der Komplex besteht aus einer großen Gartenanlage, gedeckten und offenen Hallen, einem Musikpavillon, Sommergarten, dem Hauptgebäude mit großem Saal, Veranden und kleineren und größeren Gesellschafts- und Restaurationsräumen. Die Fassaden der Gebäude wurden in roten und hellen Backsteinschichten ausgeführt. Das war eine interessante und belebende Architektur. So schrieb es ein zeitgenössischer Autor.

Auf der Weser gab es zwischen Bremen und Bremerhaven neben der Frachtschiffahrt auch die sogenannten „Lustfahrten“.  Auch Vegesack hatte einen Anleger,  an dem die Passagiere ein- und aussteigen konnten. Die machten sich in Vegesack ein paar gemütliche Stunden, bis sie später wieder abgeholt und nach Bremen zurückfuhren.

Die Strandlust erlebt einen Besucheransturm

Da immer mehr und größere Schiffe Vegesack anliefen, wurde die Strandlust eine Attraktion für die Tagesgäste. Aber auch die einheimische Bevölkerung hatte endlich Räumlichkeiten, in denen sie ihre Feste feiern konnte. Als besondere Anlaufpunkte seien noch der auf dem Gelände befindliche Badestrand an der Weser und der Rosengarten genannt.

Schon 1939 plante die Sparkasse Vegesack die in die Jahre gekommene Strandlust komplett umzubauen. Aber daraus wurde nichts, da Vegesack 1939 zu einem Stadtteil Bremens eingemeindet wurde und der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegszeit durchzustehen waren. Erst 1964 wurde grundlegend umgebaut. Und danach sicher noch viele Male.

Nicht mehr historistisch, aber noch präsent: die Strandlust von der Weserseite 2016. Foto: Peter Strotmann

Nicht mehr historistisch, aber noch präsent: die Strandlust von der Weserseite 2016.
Foto: Peter Strotmann

Man mag sich fragen, was denn noch von dem ursprünglichen Bau übrig geblieben ist. Es wird die Fassade vom Eingangsportal sein, allerdings auch in abgespeckter Form. Ursprünglich befand sich im Dreiecksgiebel ein Relief, das oben auf der Spitze mit einer Statue bekrönt war.

Heute ist die Strandlust immer noch ein sehr beliebter Ausflugs- und Veranstaltungsort in Vegesack. Für Übernachtungsgäste ist in dem Komplex noch ein 4-Sterne-Hotel mit 46 Betten integriert.

Besonders hervorzuheben sei der Butterkuchen mit Schmand. Der ist nicht nur bei den Gästen zur Kaffeezeit beliebt. So kann man Sonntagnachmittags lange Schlangen beim Außer-Haus-Verkauf erleben.

Was die Strandlust alles erlebt hat:

1915

taufte Graf Zeppelin ein Passagierschiff auf seinen Namen. Bei der Zeremonie sollte auch ein Luftschiff über das Gelände des Bremer Vulkans fahren. Aber es regnete, donnerte und blitzte, sodass es auf dem Neuenlander Feld bleiben musste. Als man zum Bankett in der Strandlust gekommen war, vergewisserte sich Graf Zeppelin telefonisch, dass der Zeppelin das Unwetter überstanden hatte.

1921

Unter großer Teilnahme der Bevölkerung taufte Feldmarschall Hindenburg ein nach ihm benanntes Frachtschiff. Anschließend speisten Hindenburg und sein Gefolge mit den leitenden Herren der Vulkan-Werft in der Strandlust.

1945

Die amerikanische Besatzungsmacht beschlagnahmt die Strandlust Mitte 1945 und gibt sie bis 1948 schrittweise wieder an die Bevölkerung frei.

1948

Das Hafenkonzert von Radio Bremen (sonntags von 8 bis 10 Uhr) wird zum ersten Mal aus der Strandlust in Vegesack gesendet und es bleibt über viele Jahre einer der beliebtesten Veranstaltungsorte.

Immer noch elegant: Haupteingang der Strandlust 2016. Im Dreiecksgiebel ein Relief mit einer Möwe. Foto: Peter Strotmann

Immer noch elegant: Haupteingang der Strandlust 2016. Im Dreiecksgiebel ein Relief mit einer Möwe.
Foto: Peter Strotmann

1961

Bei einer CDU-Wahlkampfveranstaltung, sollte Franz-Josef Strauß, seinerzeit Bundesverteidigungsminister und CSU-Parteivorsitzender, als Redner auftreten. Dabei kam es im Saal der Strandlust zu Tumulten. Es soll Tränengas versprüht worden sein, andere Zeugen meinen, es sei Buttersäure gewesen.

1966

war der König von Thailand, Bhumibol, Gast der Lürssen-Werft. Nach längeren Verhandlungen klang der Besuch bei einem Essen in der Strandlust aus.

1985

konnte man die Königin und den König von Tonga in der Strandlust begrüßen. Der König, der übrigens gut deutsch sprach, wollte bei der Lürssen-Werft ein Schiff bestellen, um die knapp 170 Inseln seines Reiches zu versorgen. Obwohl man sich nicht einigen konnte, wurde anschließend in der Strandlust diniert. Es sei berichtet, dass für den König, der ein großer und beleibter Mann war, ein extra breiter und stabiler Stuhl gebaut werden musste.

von Peter Strotmann

Großer Auflauf: Die Karossen stehen in den 1930er Jahren dicht gedrängt auf dem Parklatz der Strandlust Vegesack. Quelle: Privat

Großer Auflauf: Die Karossen stehen in den 1930er Jahren dicht gedrängt auf dem Parklatz der Strandlust Vegesack.
Quelle: Privat

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