Zwei Luftaufnahmen vom Bremer Marktplatz aus den Jahren 1943 und 1945 im Vergleich

Die beiden Luftaufnahmen vom Bremer Marktlatz ähneln sich ungemein. Auf den ersten Blick hat sich gar nichts verändert. Beide Fotos sind bei fast gleichem Sonnenstand und etwa im gleichen Blickwinkel aufgenommen. Aber es gibt doch gravierende Unterschiede. Es sei noch sei gesagt, dass die Fotos im Abstand von zwei Jahren aufgenommen sind: Foto 1 im Mai 1943, Foto 2 im Mai 1945.

Hat sich da irgendetwas verändert?

Es ist wie das Suchbild im Rätselheft: Das Foto 1945 unterscheidet sich vom Foto 1943 durch diverse sachliche Veränderungen. Wer kann sie finden?

Noch weitegehend unzerstört: der Bremer Marktplatz, aufgenommen 1943. Quelle: Fotoarchiv Marburg

Noch weitegehend unzerstört: der Bremer Marktplatz, aufgenommen 1943.
Quelle: Fotoarchiv Marburg

Bitte genau hinsehen: Sämtliche Dächer der Börse und seiner Börsenhöfe fehlen. Der Betrachter schaut in die einzelnen Räume der oberen Etagen. Wer mal ein aufgeschnittenes Schneckengehäuse gesehen hat, der hat sich vielleicht gewundert, wie die einzelnen Kammern im Inneren angeordnet sind. Auch gibt es Puppenstuben, bei denen man das Dach abheben kann. Bei dem 1945er Foto fasziniert und erschreckt es zugleich. Die Dächer sind weg? Ja, sie sind weg und die Gebäude größtenteils ausgebrannt. Es sind Ruinen.

Der stolze Eckturm der Baumwollbörse ist verschwunden

Auch die Baumwollbörse lässt einen Einblick auf die obere Etage zu, der stolze Eckturm ist nicht mehr vorhanden. An der Südwest- und Nordwestseite des Marktplatzes sind auch viele Häuser zerstört, davon einige bis auf die Grundmauern.

Zwischen beiden Aufnahmen liegt „nur“ knapp anderthalb Jahre Krieg, aber es waren – vom 122. bis zum 173., mindestens 52 Luftangriffe – von insgesamt 173 Luftangriffen.

Beim 122. Luftangriff vom 12. Dezember 1943 kamen mehrere US-Bomberverbände mit 500 bis 600 Flugzeugen und warfen 1.355 Spreng- und 4.296 Brandbomben. Zerstört wurde das Hauptgebäude der Börse, zudem schlug eine Sprengbombe schräg unten in die Fundamente des St. Ansgarii-Kirchturms. Durch Druckwirkung einer Bombe wurde auf dem westlichen Teil des alten Rathauses ein Stück der Balustrade zertrümmert. Die traurige Bilanz sah so aus: 54 Tote, 27 Schwer- und 233 Leichtverletzte, 10.000 Obdachlose.

Der 137. Luftangriff vom 6. Oktober 1944 war wohl einer der verheerendsten. Beim Angriff mit 250 Flugzeugen, fielen innerhalb von 28 Minuten: 20 Minen-, 613 Spreng-, 30.085 Flüssigkeits- und 376.000 Stabbrandbomben auf die Stadtmitte, Bahnhofsvorstadt, westliche- und südliche Vorstadt.

Zu beklagen waren 66 Tote, 24 Schwer- und 750 Leichtverletzte, sowie 37.724 Obdachlose. Um den Marktplatz herum wurden u.a. zerstört: Schütting, Börsennebengebäude, Rathsapotheke, Bankhaus Neelmeyer, Patzenhofer, Lindenhof, Haus „Spitzer Giebel“, Baumwollbörse, der Turmhelm der Kirche Unser Lieben Frauen, Karstadt, Böttcherstraße usw.

Wie durch ein Wunder blieben das Rathaus, der Dom, die Glocke und weitere Gebäude nahezu unversehrt. Unter diesen Gesichtspunkten ist es angesagt, die beiden Luftaufnahmen noch einmal genau zu betrachten.

von Peter Strotmann

Wie ein Blick in Puppenhäuser: Bremer Marktplatz aufgenommen im Mai 1945. Quelle: LIFE

Wie ein Blick in Puppenhäuser: Bremer Marktplatz aufgenommen im Mai 1945.
Quelle: LIFE

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75 Jahre WESER-KURIER

Pressefotografie und Pressefreiheit

. . . sind auch 75 Jahre Pressefotografie und Pressefreiheit in Bremen nach dem Zweiten Welt­krieg. Was waren die Menschen froh, als es am 19. Sep­tember 1945 wieder eine freie Presse gab, die unzensiert über die Ereignisse in der Stadt berichten durfte. Wir haben 75 Fotos aus acht Jahrzehnten ausgesucht, die in dem Sonderheft der Reihe WK|Geschichte zu sehen sind. Dazu ein Interview mit dem langjährigen WK-Fotografen Jochen Stoss und ein Gastbeitrag des Hochschulprofessors Rolf Nobel, dem Gründer des wohl renommiertesten Studiengangs für Fotojournalismus in Hannover.

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