Neue Kinoserie: Die Geschichte der Filmtheater in Gröpelingen / Teil 1: Die Jahre von 1900 bis 1945

In den frühen Jahren des Films hatte keineswegs jedermann Zutritt zu einem Kinosaal. Kindern und Jugendlichen war der Filmgenuss noch bis in die 1920er Jahre strengstens untersagt. In Gröpelingen eröffnete das erste Kino im Saal von Sielers Ballhaus. Wenn am Wochenende ein Vereinsfest anstand, mussten die teuren Projektionsgeräte umständlich beiseite geschafft werden.

Schauplatz der ersten Filmvorführungen: das Ausflugslokal Burg Hohenzollern an der Lindenhofstraße 13.
Quelle: Archiv der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V.

Das Wort „Kino“ leitet sich von der etwas sperrigen französischen Bezeichnung für die Erfindung der Brüder Lumière im Jahr 1895 ab: „cinématographe“ (= Bewegungsaufzeichner). Die volkstümlichere Bezeichnung „Kino“ setzte sich im deutschsprachigen Raum schon in den frühen Jahren der Kinematographie-Theater durch, ähnlich wie die Kurzform „cinema“ im Englischen.

Die ersten Stummfilme in Gröpelingen wurden seit 1906 von Wanderkinos im Festsaal des Ausflugslokals Burg Hohenzollern in der Lindenhofstraße 13 und in den Räumen der Bremer Schützengilde gezeigt. 1920 richtete der „Kinematograph“ Paul Johann Brand im Ballsaal des Lokals Burg Hohenzollern, das jetzt Sielers Ballhaus hieß, ein Kino mit täglichen Vorführungen ein und gab ihm den Namen „Centraltheater“. Familie Sieler als Gaststättenbetreiber verpachtete ihm zu diesem Zweck die Saalbühne und 250 Sitzplätze, die ein Drittel des Saales beanspruchten.

Um der Vielzahl der Stummfilme jener Zeit den Anstrich von Gauklertum und Narretei zu nehmen, bemühten sich die damaligen Produzenten um Literaturverfilmungen mit namhaften Theaterschauspielern.

Schiller im Kino: 1920 lief in Gröpelingen eine Verfilmung der Dichterballade „Der Handschuh“.
Quelle: Archiv der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V.

Auf dem Foto aus dem Jahr 1920 wird in der Kinoreklame am Eingang von Sielers Ballhaus der 1910 entstandene Film „Der Handschuh“ angekündigt. Es handelte sich hierbei um die filmische Umsetzung der gleichnamigen Ballade von Friedrich Schiller mit der italienischen Darstellerin Mary Cleo Tarlarini in der Hauptrolle, eine Berühmtheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Regie: Luigi Maggi). Trotz des kulturellen Anspruchs war es übrigens Kindern und Jugendlichen bis in die 1920er Jahre strengstens untersagt, „kinematographische Vorführungen“ zu besuchen. Stummfilme waren dabei nie wirklich stumm. Dem Film wurden immer Notenblätter für einen Klavierspieler und Ansagetexte beigegeben. Häufig gab es auch Regieanweisungen für das Produzieren von passenden Geräuschen.

Das Centraltheater als einer der größten Lichtspielplätze in Bremen

1922 wurde das Gröpelinger Centraltheater von dem Filmkaufmann Simon Horwitz aus Walle übernommen, der seit 1918 schon Mitgesellschafter der Odeon-Lichtspiele in Hastedt war. Seine Geschicklichkeit in der Auswahl zugkräftiger Filme für das Gröpelinger Publikum führte schon bald zu einem höheren Sitzplatzbedarf. 1925 pachtete er von den Sielers den gesamten Ballsaal und machte damit das Centraltheater mit 753 möglichen Sitzplätzen zu einem der größten Lichtspielplätze in Bremen.

Ball- und Kinosaal zugleich: Die Familie Sieler, Betreiber von Sielers Ballhaus, verpachtete die Saalbühne für Filmvorführungen.
Quelle: Archiv der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V.

Im gleichen Jahr erhielt er aber Konkurrenz durch ein zweites moderneres Gröpelinger Lichtspielhaus. Keine hundertfünfzig Schritte entfernt ließ 1925 der Kinobetreiber W. A. Braune an der Gröpelinger Heerstraße 195/197 das „Roland-Theater“ mit 222 Kinosesseln errichten, die weitaus bequemer als die provisorischen Stuhlreihen in Sielers Ballhaus waren. Diese Konkurrenz und die Tatsache, dass Simon Horwitz bei Sielers häufig die teuren Projektionsgeräte beiseite räumen musste, wenn einer der vielen Gröpelinger Vereine an Wochenenden oder Feiertagen ein Fest im Ballsaal ausrichten wollte, bewog ihn 1926 zur Verlegung des Spielbetriebes in die Oslebshauser Heerstraße 125. Dort richtete er im Speisesaal des Ausflugslokals „Zum Grünen Jäger“ die „Uhu-Lichtspiele“ mit ca. 200 Plätzen ein.

Als 1927 überall auf der Welt der Tonfilm seinen Siegeszug antrat, gründete Horwitz zusammmen mit seiner Ehefrau Minna, geb. Fränkel, und seinen beiden Söhnen Erich und Julius die „Skala-Tonfilm-Betriebe S. Horwitz & Söhne“. Dieser Firmengründung folgte im gleichen Jahr der Umbau des Oslebshauser Speisesaals zum „Skala-Tonfilm-Theater“ mit 250 Plätzen, separatem Eingangsbereich und ansprechender Fassadengestaltung. Im Jahr 1928 eröffnete die Firma Horwitz die „Skala-Palast-Lichtbild-Bühne“ mit 597 Plätzen in Gröpelingen beim Ohlenhof 6 – 8, ganz in der Nähe ihrer alten Wirkungsstätte.

1931 eröffneten die Horwitz-Betriebe zusätzlich die Skala-Lichtspiele an der Woltmershauser Straße 223 (bis 1930 und ab 1942 „Odeum“) mit 272 Plätzen und 1933 die Scala-Tonlichtspiele in der Faulenstraße 55 mit 250 Sitzplätzen.

Die „Arisierung der Lichtspieltheater“

Der Führer bei der Ufa. Der Führer und Reichskanzler stattete am 4. Januar in Begleitung des Reichspropagandaministers den Neubabelsberger Ateliers der Ufa einen Besuch ab und nahm dabei Gelegenheit, die Bauten des neuen Films "Barcarole" zu besichtigen. Generaldirektor Klitzsch führte den Reichskanzler und Minister Dr. Goebbels durch den Betrieb. Viel Interesse fand der soeben von der Ufa auf Anregung von Dr. Todt fertiggestellte Reichsautobahn-Film "Strasse ohne Hindernisse". UBz: den Führer und Dr. Goebbels während der Besichtigung der Ateliers, links Produktionsleiter Stapenhorst.

Kino als Chefsache: Gemeinsam mit Propagandaminister Joseph Goebbels besuchte Reichskanzler Adolf Hitler im Januar 1935 die UFA-Filmstudios.
Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1002-500 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-1990-1002-500, Besuch von Hitler und Goebbels bei der UFA, CC BY-SA 3.0 DE

Die Nationalsozialisten erkannten sehr früh die Bedeutung des Tonfilms als Propaganda- und Agitationsmedium. Sie verpflichteten die Theaterbesitzer gesetzlich zur Einrichtung von Jugendvorstellungen und bemühten sich schon bald nach der Machtübernahme um eine Steuerung der Filmtheater.

Erstes Machtinstrument war die vom Reichspropagandaminister Goebbels ins Leben gerufene Reichsfilmkammer, in der jeder Kinobesitzer Mitglied sein musste. Allerdings konnten laut Satzung nur „zuverlässige Personen“ Mitglied sein. Wer sich nicht an die Auflagen hielt, konnte ausgeschlossen werden und verlor das Recht, Filme vorzuführen. Juden wie die Familie Horwitz hatten hier einen besonders schweren Stand.

Ein weiteres Druckmittel war die Aufforderung an Verpächter, bestehende Pachtverträge bei bestimmten unliebsamen Personen nicht zu verlängern. Auch wirtschaftlich konnte Druck aufgebaut werden: Das „Ministerium für Aufklärung und Propaganda“ verhängte z. B. Preisdiktate dergestalt, dass das Eintrittsgeld für Erwachsene mindestens 40 Reichspfennig und das für Jugendliche grundsätzlich nur die Hälfte zu betragen habe. Auch die Programmgestaltung und die Anzahl der Besucher wurden gesteuert. So wies man die Filmbesitzer an, stets einen sog. Vorfilm aus der nationalsozialistischen Filmschmiede und einen Hauptfilm aus der staatseigenen UFA-Produktion zu zeigen. Die Besucherströme wurden u. a. so gelenkt, dass man ganze Schulklassen auf Staatskosten in NS-Propaganda-Filme schickte. Den Eltern gegenüber wurde eine solche Aktion als schulischer Wandertag ausgegeben.

Kinoszene im Wandel: das frühere „Roland“ hieß seit 1934 „Alhambra“.
Quelle: Archiv der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V.

1935 musste die Familie Horwitz auf Grund des wirtschaftlichen Drucks alle vier Skala-Filmtheater weit unter Wert verkaufen. Sie zogen in die Parkstraße, um dort von dem Erlös zu leben. Vater Simon Horwitz versuchte mit dem Handel von Öfen ein Zubrot zu verdienen. Sohn Erich war inzwischen mit seiner jüdischen Frau und seiner Tochter nach Köln gezogen, von wo sie 1941 in das Ghetto Lodz verschleppt wurden und dort starben. 1939 wanderte Sohn Julius mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn über England in die USA aus. Simon und Minna Horwitz wurden 1941 gezwungen, ihr Haus in der Parkstraße 60 zu verlassen und in das „Judenhaus“ Parkstraße 1 zu ziehen. 1942 kauften sie sich von dem Erlös einer Grundstücksveräußerung in Gröpelingen in das dortige jüdische Altersheim ein. Eine Woche nach ihrem Einzug wurden die gesamten Insassen des Altersheims in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo Simon und Minna Horwitz 1944 starben. Ein „Stolperstein“ in der Parkstraße erinnert heute an ihr Leiden.

Die vier Lichtspielhäuser der Familie Horwitz waren seit 1935 durch gezielten Besitzerwechsel „arisiert“ worden (s. Extra-Artikel) und liefen bis Kriegsende unter anderem Namen weiter. Das Kino in Oslebshausen hieß nun „Central-Theater“ und das in Gröpelingen „Capitol-Lichtspiele“.  Das Gröpelinger Konkurrenzkino „Roland“ wechselte schon 1934 den Besitzer und hieß seit der Zeit „Alhambra“.

Abgesehen von dem Oslebshauser Central-Theater, das wegen seiner räumlichen Enge häufig „Flohkiste“ genannt wurde, überlebte keines der anderen Kinos den Bombenkrieg.

„Kinemato-graphisch“ stand Gröpelingen 1945 wie viele andere Stadtteile vor dem Nichts.

von Günter Reichert

Hochmodern: 1928 eröffnete die Firma Horwitz die „Skala-Palast-Lichtbild-Bühne“ mit 597 Plätzen in Gröpelingen beim Ohlenhof 6-8. Nur wenige Jahre später wurde der Betrieb „arisiert“. Quelle: Archiv der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V.

Hochmodern: 1928 eröffnete die Firma Horwitz die „Skala-Palast-Lichtbild-Bühne“ mit 597 Plätzen in Gröpelingen beim Ohlenhof 6-8. Nur wenige Jahre später wurde der Betrieb „arisiert“.
Quelle: Archiv der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e. V.

Mein Bremen 1945-1967
– Teil 2

Aufbau, Aufbruch
und starke Frauen

Der 5. Band unserer Magazinreihe „Mein Bremen“ zeigt den Aufbruch und Stolz der bremischen Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 bis 1967. Der 2. Band dieses Zeitraums lebt erneut von Fotos aus den Privatbeständen der Leserinnen und Leser des WESER-KURIER, die Einblicke in die spannende Zeit des Wiederaufbaus geben. Eine wichtiges Thema ist die Rolle der Frau, die sich besonders verändert hat, was schon die selbstbewusste junge Frau auf dem Titelblatt symbolisiert.

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