Ein Blick in die Geschichte (214): Täter von 1974 bis heute nicht ermittelt

Um 16.14 Uhr übertönt ein ohrenbetäubender Knall das Gewirr aus Stimmen und Durchsagen im Hauptbahnhof: Im Schließfach 66 ist eine Bombe explodiert. Splitter und Schließfachtüren fliegen durch die Luft, zerschlagen Scheiben, verletzten Menschen. Ein Augenzeuge schilderte damals dem WESER-KURIER „Ich sah einen grellen Feuerball zwischen den Schließfächern und eine gelbe Rauchwolke. Im nächsten Augenblick liefen viele Menschen in panischer Angst zum Hauptausgang. Doch schon als sich der Rauch verzog, strömten die ersten Neugierigen zurück zu Explosionsstelle.“

Sechs Menschen werden in Krankenhäuser gebracht. Andere verletzten sich nur leicht und lassen sich vor Ort versorgen.  Es ist zunächst ein ganz normaler Samstagnachmittag in der Vorweihnachtszeit. Viele Menschen nutzen den 7. Dezember 1974 für Weihnachtseinkäufe in der Bremer Innenstadt, wollen danach mit der Bahn zurück nach Hause fahren. Die Geschäfte sind an diesem Samstag ausnahmsweise am Nachmittag geöffnet. Eigentlich sollte ein Derby zwischen Werder und dem Hamburger SV stattfinden. Das fällt zwar aus, dennoch sind viele Anhänger des HSV bereits nach Bremen gekommen.

Zwei Minuten nach der Detonation trifft  die Polizei ein. Die Beamten räumen die Bahnhofshalle und sperren die Umgebung ab. Am Vormittag  war  die Bahnpolizei in einem Fernschreiben der Bundesbahn vor einem Anschlag gewarnt worden. Beim Landeskriminalamt Hessen hatte am Abend zuvor ein anonymer Anruf Anschläge auf Einrichtungen der Bahn irgendwo im Bundesgebiet angekündigt.  Zudem hatte kurz vor 16 Uhr ein männlicher anonymer Anrufer ein Attentat in einem Kaufhaus bei der Bremer Feuerwehr angekündigt. Um 17.32 Uhr teilte ein weiterer anonymer Anrufer mit: „In einem anderen Kaufhaus liegt eine zweite Bombe, ist das klar?“.

Der Sprengsatz war in die Aluminiumhülle eines Autofeuerlöschers eingebaut worden. Gezündet wurde das Gemisch aus  Unkrautvernichtungsmitteln und Puderzucker mit einem Zeitzünder.  Bomben dieser Art waren zuvor auch bei drei Sprengstoffanschlägen in Hamburg und Frankfurt verwendet worden. Ermittlungen führten in das radikale linke Milieu. Die prominenten Gründer der Roten Armee Fraktion (RAF) waren zum Zeitpunkt der Explosion jedoch alle inhaftiert. Vermutet wurden Täter aus einer Nachfolgeorganisation der RAF.

Aus dem Gefängnis heraus distanzierten sich Ulrike Meinhof und Andreas Baader von dem Anschlag und ließen verlauten, dass sich Aktionen der RAF niemals gegen das Volk richten würden. Die Hintergründe der Tat sind bis heute nicht aufgeklärt. Im Jahr 2014 recherchierten zwei Journalisten von Radio Bremen zu den Hintergründen der Tat. Sie fanden  Hinweise, dass die Täter sehr wohl aus dem Umfeld der radikalen Linken kamen.

Der größte Teil der Bahnhofshalle musste gesperrt werden. Hinter Absperrseilen drängten sich die Schaulustigen.
Foto: Klaus Sander

 

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