Was zum Vorzeigen: eine Spendenbescheinigung für eine Nagelung von 1915.
Quelle: Stadtteil-Archiv Bremen-Neustadt

Ein Blick in die Geschichte (129): Im Ersten Weltkrieg stand eine zweite Rolandstatue am Rathaus 

Fast unfreiwillig komisch wirkt aus zeitlicher Distanz, was der plattdeutsche Schriftsteller Heinrich Carstens im Ersten Weltkrieg im zeittypischen Pathos dem Roland in den Mund legte: „Schlagt mir Nägel in die Lenden“, bettelte die Heldenfigur in seinem „Nagellied vom hölzernen Roland“. Auch an anderen Körperteilen durfte man ansetzen, so in den Waden und sogar das Herz durchbohren. Doch natürlich hat die Angelegenheit einen ernsten Hintergrund.

Der Erste Weltkrieg (1914 bis 1918) ging 1915 auf sein zweites Jahr zu. Da war die anfängliche Euphorie mit Hoffnung auf einen schnellen Sieg schon längst vorbei, und man sah die Folgen des Krieges auch in der Heimat: Tote, Verletzte, Invaliden. Nun galt es, den Patriotismus und das Gemeinschaftsgefühl in der Bevölkerung wachzuhalten. Durch örtliche Komitees initiiert, begann man 1915 in hunderten von Städten mit den sogenannten Kriegsnagelungen.

In Bremen stellte man 1915 im Winkel zwischen Altem und Neuem Rathaus, am sogenannten Grasmarkt, eine hölzerne Rolandstatue unter einem tempelartigen Baldachin auf, den „Eisernen Roland“. Die Eröffnungsfeier fand am 15. Juli 1915 statt. Am 14. Oktober 1915 wurden links und rechts noch zwei erbeutete Kanonen aufgestellt.

Gegen eine Zahlung konnte der Roland mit eisernen, silbernen oder goldenen Nägeln benagelt werden. Überwiegend wurden eiserne Nägel zu 10 Pfennig das Stück eingeschlagen. Jeder Spender erhielt eine Bescheinigung vom Zentral-Hilfs-Ausschuss Bremen. Darauf stand der Zweck der Aktion verzeichnet:„Die Spende ist zum Besten der bremischen Kriegsinvaliden und Witwen und Waisen vom im Felde gefallenen Bremer Kriegern bestimmt.“

Nagelung am Sonntag, 28. Januar 1917

Mit fortschreitender Kriegsdauer wurden weitere Nagelungen notwendig. Vor genau 100 Jahren, am 28. Januar 1917, wird in der Bremer Bürgerzeitung eine neue Nagelung angekündigt. Der Erlös soll zu Gunsten der Bremer Soldatenheime verwandt werden.

Ankündigung einer Nagelung am 28. Januar 1917.
Quelle: Bremer Bürgerzeitung, 1917

Am 17. März 1918 stellte man die Nagelung ein. Das Gesamtergebnis der Nagelungen am Eisernen Roland betrug 105.000 Mark, nach anderen Quellen sogar 110.000 Mark.

Nach 1918 verschwanden die genagelten Objekte in den Depots der Museen oder wurden vernichtet. Bremens Eiserner Roland war ab 1919 im alten Focke-Museum an der Großenstraße ausgestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurde er bei einem Bombenangriff zerstört.

 

Das Nagellied vom hölzernen Roland*

Strömt herbei ihr Völkerscharen,

Hämmert Nägel mir ins Holz;

Neu will ich mich offenbaren

Als der Tagebaren Stolz.

Schlagt mir Nägel in die Lenden,

Schmückt mit Eisen mir den Schild,

Dankbar über eure Spenden

Lächle freundlich ich und mild.

*

Schaut, hier steh’ ich in der Ecken,

Hölzern unter Dach und Fach.

Gleich dem steingebornen Recken;

Bremer, kommt in mein Gemach!

Schlagt mir Nägel durch die Waden,

Spitzt mit Eisen mir die Knie,

Lasst mich schier in Eisen baden –

Das vergießt euch Roland nie.

*

Pilgert zu mir alle Tage,

— Auch Senat und Bürgerschaft –

Treibt mit festem Hammerschlag,

Urdeutsch voller Kraft und Saft,

Mir Nägel in die Rüstung,

Selbst ins Herz; und tief ins Mark.

Eisern steh’ ich auf der Brüstung,

Ewig fest und deutsch und stark.

*

Mögen tausend schöne Frauen

Schmücken mir mein deutsch’ Gewand

Lieblich ist’s wohl anzuschauen,

Wenn der Jungfrau zarte Hand

Mir mein gutes Schwert noch fester

Schmiedet in die Eisenfaust …

Sei gepriesen deutsche Schwester,

Die du Liebeswerke baust.

*

Seid umschlungen, Millionen!

Kommt an meine Eisenbrust,

Ritterdank soll es euch lohnen!

Naht mit froher Gebelust! –

Unsre Tapfren sollen leben,

Die da stehen vor dem Feind!

Rund um Roland

                  nur zum Geben –

Haben wir uns hier vereint!

*von Heinrich Carstens

veröffentlicht in den Bremer Nachrichten

Ein echter Hingucker: der Eiserne Roland am Rathaus, undatierte Ansichtskarte (zwischen 1915 und 1918).
Quelle: Staatsarchiv Bremen