Vor 75 Jahren: Am 18. Mai 1940 fand der erste Luftangriff auf Bremen statt / 16 Todesopfer bei nächtlichem Bombardement

Es gab keinen Fliegeralarm, als vor 75 Jahren die ersten Bomben auf Bremen fielen. Wie aus heiterem Himmel rauschte eine halbe Stunde nach Mitternacht die tödliche Last aus den englischen Maschinen. Zum ersten Mal erlebte die Bevölkerung die Schrecken des Krieges – und ließ es nach Ansicht des Regierenden Bürgermeisters an Disziplin fehlen.

Die Erfolgsmeldungen aus Frankreich dominierten die Berichterstattung Mitte Mai 1940. Der erste Luftangriff auf Bremen wurde nur als Randnotiz vermeldet. Bildvorlage: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Die Erfolgsmeldungen aus Frankreich dominierten die Berichterstattung Mitte Mai 1940. Der erste Luftangriff auf Bremen wurde nur als Randnotiz vermeldet.
Bildvorlage: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Wie werden wohl die letzten Stunden der Erna Glockemann ausgesehen haben? Ihr letzter voller Lebenstag war ein Freitag – für eine Hilfskraft in einer Gaststätte sicher ein hektischer und langer Arbeitstag. Doch irgendwann ist auch der zu Ende. Weit hatte sie es immerhin nicht vom Arbeitsplatz bis ins Schlafgemach: „Köhnen’s Gaststätte“ befand sich im Erdgeschoss der Sandstraße 1, ihr Bett stand in der Dachkammer.

Vermutlich hat sich die 20-Jährige erschöpft zur Nachtruhe begeben. Erwacht ist sie nicht mehr, im Schlaf wurde sie vom Tod überrascht. Die junge Kellnerin gehört zu den 16 Opfern des ersten Luftangriffs auf Bremen vor 75 Jahren, am 18. Mai 1940. Ab 0.36 Uhr warfen englische Bomber ihre tödliche Last über Bremen ab.

Insgesamt 124 Sprengbomben zählten die Behörden. Eine davon durchschlug das Dachgeschoss des Eckgebäudes an der Sandstraße. Erna Glockemann hatte keine Chance: „Im Bett getötet“, heißt es lapidar im amtlichen Vermerk.

Von der Toten hat sich in der Dokumentation der Kriegsschäden ein Foto erhalten. Aufgebahrt liegt sie da in einem gekachelten Raum der Gerichtsmedizin. Vom Gesicht sieht man nichts, wohl aber das wallende Haar, den halb entblößten Oberkörper. Für die Angehörigen ein Segen, dass keine schweren Verstümmelungen zu erkennen sind, der aufgebahrte Leichnam wirkt unversehrt.

Kein Fliegeralarm warnte die Menschen

Für die Bremer Bevölkerung kam der Luftangriff völlig überraschend. Kein Fliegeralarm warnte die Menschen vor der drohenden Gefahr.

Schwere Schäden gab es auch in der Eisenbahner-Siedlung Breitenbachhof in Gröpelingen. Hier starb der 38-jährige Eisenbahner Bernhard Garrels. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Schwere Schäden gab es auch in der Eisenbahner-Siedlung Breitenbachhof in Gröpelingen. Hier starb der 38-jährige Eisenbahner Bernhard Garrels.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Im Schutze der Nacht waren die englischen Bomber in den deutschen Luftraum eingedrungen. Nur sechs bis acht Maschinen sollen es gewesen sein, keine gigantischen Luftflotten wie in späteren Kriegsjahren. Unbehelligt gelangten sie bis an ihr Ziel.

Doch wohin mit der Bombenlast? In diesem frühen Stadium gab es noch keine Direktive, die Sprengkörper wurden mehr oder weniger willkürlich abgeworfen. Von „ziel- und planlosen Fliegerangriffen“ sprach deshalb die Bremer Presse und mahnte umso eindringlicher zur gründlichen Verdunkelung, da jeder noch so kleine Lichtschein den feindlichen Piloten als willkommener Zielpunkt diene.

Etliche Bomben trafen den Innenstadtbereich: Eine ging direkt vor dem Polizeihaus auf den Wall nieder, andere sorgten für massive Schäden an der Sand- , Bürger- und Buchtstraße in unmittelbarer Nähe.

In Walle wurde das evangelische Diakonissenhaus an der Nordstraße beschädigt, eine angehende Krankenpflegerin und eine Angestellte kamen dabei ums Leben. Deutliche Spuren hinterließ der Angriff auch in der Eisenbahner-Siedlung Breitenbachhof in Gröpelingen. Ein 38-jähriger Eisenbahner fand in den Trümmern den Tod. Im Hafengebiet starben vier Angehörige der Norddeutschen Hütte sowie ein 48-jähriger Ingenieur der AG Weser.

Einer der frühesten Luftangriffe

Auf der Titelseite druckten die Bremer Nachrichten die Namen der 16 Bombenopfer ab. In späteren Jahren füllten die Totenlisten ganze Seiten im hinteren Teil der Zeitung. Bildvorlage: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Auf der Titelseite druckten die Bremer Nachrichten die Namen der 16 Bombenopfer ab. In späteren Jahren füllten die Totenlisten ganze Seiten im hinteren Teil der Zeitung.
Bildvorlage: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Der Luftangriff auf Bremen zählt zu den frühesten Bombardierungen deutscher Großstädte im Zweiten Weltkrieg. Erstmals hatte es das rheinische Mönchengladbach am 11. Mai 1940 getroffen – einen Tag nachdem der Krieg mit dem deutschen Angriff im Westen eine neue Eskalationsstufe erreicht hatte. Zeitgleich übernahm in England Sir Winston Churchill das Amt des Premierministers. An seiner Entschlossenheit im Kampf gegen Deutschland ließ er nicht den geringsten Zweifel.

Die Zeit der Flugblatt-Abwürfe war jetzt vorbei. Nur einen Tag nach dem ersten Angriff folgte der zweite, wenn auch weitaus harmlosere Luftschlag.

Bisher war der Krieg für die Zivilbevölkerung weit weg gewesen: In Polen und Norwegen, seit gut einer Woche auch in Frankreich und den Benelux-Ländern. Das gehörte nun der Vergangenheit an, mit dem unerwarteten Luftangriff wurde auch die Heimat zum Frontgebiet, zur „Heimatfront“.

Die Angehörigen und Kollegen der Bombenopfer standen begreiflicherweise unter Schock. Es gab noch keine Routine bei der Benennung der Todesumstände. In den Todesanzeigen finden sich meist nur verklausulierte Hinweise auf den wahren Hintergrund, fast durchweg ist von „Unglücksfällen“ oder „tragischem Geschick“ die Rede, viel seltener von „feindlichen Fliegerangriffen“. Eine klare Sprachregelung gab es also offenbar nicht, wohl aber eine gewisse Unsicherheit über den opportunen Wortlaut in Todesanzeigen.

„Bremer Nachrichten“ reagieren

Fast kurios wirkt es, dass sich die „Bremer Nachrichten“ am 26. Mai 1940 genötigt sahen, die dünne Berichterstattung zu den beiden Bombenangriffen zu rechtfertigen. Ein Dialog mit den Lesern in Zeiten harscher Pressezensur! Ganz offenbar wurde die Redaktion mit Beschwerden und Anregungen überhäuft, zahlreiche Leser forderten ausführliche Artikel und sogar Bilder der Einschlagstellen. Natürlich ein ganz unmögliches Ansinnen, wie die „Bremer Nachrichten“ wissen ließen. Denn der Feind höre nicht nur mit, er lese auch mit. „Und ganz besonders dankbar wären die feindlichen Flieger der deutschen Presse dafür, wenn sie ihnen genau mitteilen würde, wo und was ihre Bomben getroffen haben.“

Verwüstungen als dekorativer Hintergrund: Feuerwehrleute der Hohentor-Wache posieren vor dem zerstörten Schuppen 18 im Überseehafen. Quelle: Staatsarchiv Bremen

Verwüstungen als dekorativer Hintergrund: Feuerwehrleute der Hohentor-Wache posieren vor dem zerstörten Schuppen 18 im Überseehafen.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Gleichwohl scheinen viele Menschen den Ernst der Lage nicht recht erfasst zu haben. Wie auch, da eine Siegesmeldung nach der anderen vom Kriegsschauplatz im Westen eintraf. Das Konzept des „Blitzkrieges“ schien erneut aufzugehen, schon nach kaum mehr als einer Woche zeichnete sich das Ende des „Westfeldzuges“ ab.

Bei so viel Siegeszuversicht fiel es schwer, die englischen Angriffe als wirkliche und dauerhafte Bedrohung aufzufassen. Zumal die Gefahrenlage immer wieder kleingeredet wurde. Meier wolle er heißen, wenn auch nur ein Feindflugzeug das Reichsgebiet überfliege, so der legendäre Spruch des Chefs der Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring.

Hinzu kam die völlige Unerfahrenheit im Umgang mit dem Luftkrieg. Eine Woche nach den ersten Bombenabwürfen beklagte der Regierende Bürgermeister von Bremen, SA-Gruppenführer Heinrich Böhmcker, einen betrüblichen Mangel an Disziplin unter den „Volksgenossen“. Seine Standpauke richtete sich insbesondere gegen Schaulustige, die sich selbst gefährdeten und die Arbeit der Ordnungskräfte behinderten. „Ein Fliegerangriff gibt keine Veranlassung, jede Ordnung als aufgelöst zu betrachten“, geiferte er in der Presse. Damit nicht genug, seien unter der Flut telefonischer Nachfragen die Leitungen der Polizei „für Stunden völlig blockiert“ gewesen. Böhmckers Appell: „Ich ersuche dringend, derartige Anfragen auf das notwendigste Maß zu beschränken.“

Beachtlicher Aufklärungsbedarf

In Mitleidenschaft gezogen: ein abgedecktes Dach und Splitterschäden an der Fassade des Polizeihauses. Quelle: Staatsarchiv Bremen

In Mitleidenschaft gezogen: ein abgedecktes Dach und Splitterschäden an der Fassade des Polizeihauses.
Quelle: Staatsarchiv Bremen

Keine Frage, nach den beiden ersten Luftangriffen herrschte ein beachtlicher Aufklärungsbedarf. Wiederholt unterrichteten die Bremer Zeitungen ihre Leserschaft über Schutzmaßnahmen und angemessenes Verhalten im Bombenkrieg – da ging es darum, wer für die Verdunkelung der Treppenhäuser zuständig sei und wie man mit Sachschäden zu verfahren habe.

Mehr als einmal ergingen Warnungen davor, bei eigenem Abwehrfeuer das Haus oder die Schutzräume zu verlassen. Zu diesem Zeitpunkt musste die Bevölkerung noch darüber belehrt werden, dass Granatsplitter der eigenen Flak-Batterien tödlich sein konnten und es daher „unverantwortlich und leichtsinnig“ sei, sich ihnen aus reiner Neugier auszusetzen.

Der Luftkrieg – damals noch mehr ein Abenteuer als ein echter Schrecken. Bezeichnend genug, dass die Feuerwehrleute der Hohentor-Wache nach ihrem Einsatz im Hafengebiet vor dem zerstörten Schuppen 18 posierten – ein Erinnerungsfoto von einem vielleicht einmaligen Ereignis.

Womöglich auch deshalb der namentliche Abdruck der Bombenopfer auf der Titelseite der „Bremer Nachrichten“ – als Mahnung, die Vorsichtsmaßnahmen endlich zu beherzigen.

Völlig arglos und unbedarft war die Bevölkerung indessen nicht, die Gefahren des modernen Luftkrieges hatten sich im Zuge der Kriegsvorbereitungen durchaus herumgesprochen. Nur die leidvolle Erfahrung hatte bislang gefehlt, weshalb die Behörden nur einen Tag nach dem ersten Luftangriff einen Probealarm ansetzten.

Ziviler Luftschutz in den Kinderschuhen

Die ersten privaten Todesanzeigen für die Bombenopfer Heinrich Dierß, Bernhard de Wahl, Harmine Bruns, Anna Reue und Erna Glockemann. Bildvorlage: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Die ersten privaten Todesanzeigen für die Bombenopfer Heinrich Dierß, Bernhard de Wahl, Harmine Bruns, Anna Reue und Erna Glockemann.
Bildvorlage: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen

Mit dem zivilen Luftschutz war es bei Kriegsbeginn freilich „noch nicht allzu weit“ her, wie der Historiker Herbert Schwarzwälder urteilt. Erst unter dem Eindruck der ersten Bombardierungen wurde der Bunkerbau massiv vorangetrieben.

Zum Glück für die Bremer Bevölkerung blieb es vorerst bei den beiden Luftangriffen vom 18. und 19. Mai 1940. Danach herrschte erst einmal Ruhe für einen Monat, ehe die Angriffe wieder aufgenommen wurden. Dabei hielten sich die Schäden und Opferzahlen in Grenzen. Anders als in England, wo die deutsche Luftwaffe bis Jahresende für schwere Zerstörungen sorgte.

Eine Wende in der englischen Luftkriegsstrategie zeichnete sich erst im November 1940 ab, als die systematische Bombardierung von Wohngebieten im Zuge des „moral bombing“ Einzug hielt. Einen ersten Vorgeschmack davon bekam die Bremer Bevölkerung bei den Nachtangriffen vom 1. bis 3. Januar 1941.

Am Ende musste Bremen 173 Luftangriffe über sich ergehen lassen. Zwei Drittel der Stadt galten nach Kriegsende als zerstört, 3852 Menschen kamen ums Leben.

Unter ihnen auch Erna Glockemann, die Hausgehilfin aus Köhnen’s Gaststätte. Ihr kurzer Lebensweg fand fern der Heimat ein abruptes Ende. Denn sie stammte aus Nordstemmen, einem Dorf von kaum 2000 Einwohnern im Landkreis Hildesheim. In ihrem Geburtsort hat sie ihre letzte Ruhestätte gefunden.

von Frank Hethey

Abgedeckte Dächer, Splitterschäden in den Häuserfassaden: Am 18. Mai 1940 erlebten die Bremer zum ersten Mal die Schrecken des modernen Bombenkriegs, hier an der Ecke Sand- , Bürger- und Buchtstraße. Bildvorlage: Staatsarchiv Bremen

Abgedeckte Dächer, Splitterschäden in den Häuserfassaden: Am 18. Mai 1940 erlebten die Bremer zum ersten Mal die Schrecken des modernen Bombenkriegs, hier an der Ecke Sand- , Bürger- und Buchtstraße. Bildvorlage: Staatsarchiv Bremen

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