Eine nicht zugestellte Weiche war Ursache des Straßenbahnzusammenstoßes.
Quelle: Weser-Kurier

Vor 53 Jahren: Im September 1964 zertrümmerte eine Straßenbahn eine Rathaussäule

Das war am 29. September 1964 ein Schreck in der Morgenstunde. Es muss um 5 Uhr 16 mächtig gekracht haben, als sich ein Straßenbahnzug der Linie 2 in die Arkaden des Alten Rathauses schob. Vorausgegangen war ein Zusammenstoß mit einer Bahn der Linie 3. Der Zug der Linie 2 zertrümmerte die zweite Sandsteinsäule von rechts und blieb als eine Art Ersatzsäule stehen.

Damit waren zumindest die Rathausarkaden einsturzgefährdet. Schon kurz nach 7 Uhr morgens war eine Baukolonne zur Stelle. Mit Holzstützen wurden die Arkaden abgefangen. Kurz vor halb 11 Uhr zog die Feuerwehr den Straßenbahnzug wieder auf die Schienen zurück. Noch am selben Tag wurden eine Stahlstütze gefertigt und damit die zerstörte Säule vorläufig ersetzt.

Bei dem Unglück wurde glücklicherweise niemand verletzt, weder die Straßenbahnfahrer noch die Fahrgäste. Ein Zeitungshändler, der seinen kleinen Verkaufsstand wie an jedem Tag um 4 Uhr 30 unter der zweiten Arkade aufgebaut hatte, sah die Bahn auf sich zukommen, hörte es krachen und konnte nur noch um sein Leben rennen.

Was ist schiefgelaufen?

Werbung an der Straßenbahn: Zum Glück gibt’s Ronning Kaffee.
Die Sicherungsarbeiten an den Rathausarkaden sind in vollem Gange.
Quelle: Landesamt für Denkmalschutz

Das Unglück konnte geschehen, da eine Weiche nicht zurückgestellt war. Der Schaffner eines Einsatzzuges hatte die handgetätigte Weiche vom Brill in Richtung Hauptbahnhof gestellt. Er beteuerte hinterher, die Weiche wieder zurück gestellt zu haben. Der nachfolgende Zug der Linie 3 wollte eigentlich vom Brill kommend geradeaus in Richtung Domsheide fahren, fuhr aber ungewollt in Richtung Hauptbahnhof. Offensichtlich stand die Weiche in falscher Richtung. In diesem Moment kam ein Zug der Linie 2 von der Domsheide in Richtung Brill. Nun rammte der Zug der Linie 3 den Zug der Linie 2 und schob ihn in die Rathausarkaden.

Die Neugierde siegt

Seinerzeit absolvierte ich eine Lehre in einem Betrieb in der Bremer Neustadt. Wie ein Lauffeuer breitete sich die Nachricht unter der Belegschaft aus: „Eine Straßenbahn ist ins Rathaus gedonnert.“ Da gab es nach Feierabend nur ein Ziel: das Rathaus. Doch da war die Schadenstelle schon abgeräumt. Die Straßenbahnen fuhren anscheinend wieder normal. Aber frei nach Wilhelm Busch war der Zustand so: … doch die Säule hat ihr Teil.

Noch heute zu sehen: Der zweiten Rathaussäule fehlt der Fußkranz.
Foto: Frank Hethey

Wie es weiterging

Am Schadenstag ging man davon aus, dass eine neue Säule aus Sandstein zu fertigen sei. Doch nach intensiver Suche fand man auf einem Lagerplatz des Gartenbauamtes in Huckelriede eine passende Säule. Sie stammte vermutlich von dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten klassizistischen Torhaus vom Buntentor. Es ist kaum zu glauben, aber sie passte sowohl im Durchmesser als auch in der Länge auf den Zentimeter genau. Allerdings kann man heute noch sehen, um welche Säule es sich handelt. Bei der Säule fehlt der Fußkranz, den die anderen Säulen haben. Die Säule konnte bereits am 13. Oktober 1964 eingebaut werden.

Die fragliche Weiche wurde umgebaut. Und zwar wurde der Stellmechanismus von der Mitte zur Seite verlegt. Das Stelleisen musste nun beim Durchfahren zum Hauptbahnhof stecken bleiben. Wurde es dann wieder entfernt, sprang die Weiche mittels Federkraft wieder in Normalrichtung zurück.

Der im Jahre 1964 verunglückte Straßenbahn-Triebwagen (ein Straßenbahnzug bestand aus einem Gelenk-Triebwagen und einem Gelenk-Anhänger) soll in den späteren Jahren einen Unfall mit einem LKW gehabt haben und ist dabei in einen Graben gestoßen worden. Danach wurde er ausgemustert.

Ein solches Unglück könnte heute (2017) nicht mehr passieren, da die Schienenverbindung vom Rathaus zum Domshof aufgegeben wurde. Stattdessen fahren Busse und Bahnen seit 1987 durch die Violenstraße.

Im Jahre 1965 wollte Bremen die 1000-Jahr-Feier feiern. Zu diesem Grund sollte das Rathaus ordentlich herausgeputzt werden. Deshalb war es zum Zeitpunkt des Unglücks vollständig eingerüstet. Es wäre nicht auszudenken, wenn die Straßenbahn mit vollem Tempo ins Rathaus gerast wäre. Aber auch so hatte Bremen durch das Unglück eine, wenn auch ungewollte, Wirkung in der öffentlichen Wahrnehmung erzielt.

von Peter Strotmann

Glück im Unglück: Die Straßenbahn hat die zweite Arkadensäule zertrümmert und bleibt als Ersatzsäule stehen. Die Feuerwehrmänner koordinieren die Sicherungsarbeiten.
Quelle: Landesamt für Denkmalschutz

Mein Bremen

Die Stadt in Bildern von 1968-1983, Teil 3

Aus dem Fundus der Leserinnen und Leser des WESER-KURIER: Viele neu entdeckte Fotos aus dem Bremen des vergangenen Jahrhunderts. Die Bilder dokumentieren die ereignisreichen Jahre zwischen den Straßenbahnunruhen 1968 und der Schließung der Großwerft AG Weser 1983 In diesen Jahren vollzogen sich in Bremen große Wandlungsprozesse in der Gesellschaft, der Architektur und der Politik, die Bremen nachhaltig prägten und bis in die heutige Zeit nachwirken.

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