Von ländlicher Idylle zum industriell geprägten Stadtteil: eine Spurensuche in Hastedt / Teil 2: das industrielle Hastedt

von Diethelm und Mira Knauf

Industrie braucht Energie, genauso wie die rasant wachsende Stadt. Diese lieferten das Weserwehr und vor allem das Dampfkraftwerk Hastedt, das 1905 an der rechten Weserseite etwas oberhalb des Weserwehres gebaut wurde. Es ist das älteste Kraftwerk in Bremen. Für die damalige Zeit war dies ein modernes Drehstrom-Kraftwerk mit Turbinenantrieb und einer Leistung von 2.400 Kilowatt. 1 Million Goldmark hatte der Stadt der Bau des Kraftwerks gekostet. Lange Zeit prägten seine Schornsteine – „die sieben schwarzen Raben“ – das Erscheinungsbild des Stadtteils.

Neben dem Schiffbau war vor allem die Automobilindustrie für die Wirtschaftsgeschichte Bremens bedeutsam. Und diese war vor allem in Hastedt ansässig und eng mit dem Namen Carl Borgward verbunden. Wer allerdings Borgward sagt, muss auch NAMAG  (Norddeutsche Automobil und Motoren Actien Gesellschaft) sagen, mit ihr begann ab 1906 die legendäre Automobilproduktion in Bremen. In den Gebäuden an der Föhrenstraße wurden alsbald Personenwagen, Taxis und Nutzfahrzeuge unter den Markennamen „Lloyd“ produziert.

1914 fusionierten die  Hansa-Automobil GmbH in Varel mit der NAMAG zur Hansa-Lloyd AG mit Sitz in Bremen. Produkte waren hauptsächlich Lastkraftwagen, Traktoren und Luxusautomobile. Die Aktienmehrheit von Hansa-Lloyd wurde 1929 bis 1931 von Carl F.W. Borgward aufgekauft, der zusammen mit Wilhelm Tecklenborg Inhaber der Hastedter Goliath-Werke Borgward & Co. in unmittelbarer Nachbarschaft des Hansa-Lloyd Werkes, der früheren NAMAG, geworden war.

Legendär: Der „Blitzkarren“

Der Name Borgwards war zunächst eng mit der Firma Goliath-Werke Borgward & Co. verknüpft, die der Autokonstrukteur mit seinem Partner, dem Kaufmann Wilhelm Tecklenborg, 1928 gründet hatte. Eines der frühen Symbole dieser Firma war der legendäre „Blitzkarren“, ein offenes Transportdreirad und das erste von Carl Borgward selbst konstruierte Serienfahrzeug.

Schrieb Automobilgeschichte: der von Carl F.W. Borgward entwickelte „Blitzkarren“, ein offenes Transportdreirad.
Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Es war ein beliebtes Hilfsmittel, um die Bremer Haushalte mit Waren zu versorgen. Auf dem Bild wurde er eingesetzt, um Margarine der Feinkostfirma „Schwan im Blauband“ auszuliefern.

Persönliche Kundenbelieferungen gab es bis ca. 1930. Die Bäckerei Marschner hatte ihr Geschäft in der Moselstraße. Borgward entwickelte das 2,2 PS starke Lieferdreirad im Jahre 1924, der Kaufpreis lag bei 980 Reichsmark. Aufgrund eines Gesetzes von 1928 durften Kraftfahrzeuge mit weniger als vier Rädern und einem Hubraum von weniger als 350 Kubikzentimetern ohne Führerschein gefahren werden und waren steuerfrei. Das Transportfahrzeug hatte weder Kupplung noch Getriebe. Um den Motor anzuwerfen, musste der Fahrer anschieben und auch die Bremsen funktionierten eher wie beim Fahrrad: Durch Drücken der Bremsklötze an das Hinterrad wurde der Motor abgewürgt.

Bis 1961 brachte Borgward verschiedene Modelle der Dreiradtransporter, ab 1925 umbenannt in „Goliath“, auf den Markt, ab 1931 war auch ein Personenwagen namens „Goliath Pionier“ erhältlich. Der „Pionier“ brachte es mit 5,5 PS auf eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h. Die Karosserie wurde z.T. aus mit Kunstleder überzogenem Holz gefertigt. Bis 1934 wurden ca. 4000 dieser Kleinstwagen verkauft.

Kriegsproduktion in Hastedt

In den 1930er Jahren profitierte die Wirtschaft enorm von der Nazi-Diktatur. Carl Borgward z.B. wurde 1938 Mitglied der NSDAP und als Inhaber einer bedeutenden Fahrzeugbaufirma gleichzeitig zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Diese waren im nationalsozialistischen Deutschen Reich Leiter rüstungswichtiger Betriebe. Absicht war es, sie an die Wehrmacht zu binden, sie in die Aufrüstung des Reiches einzubeziehen und ihnen einen quasi militärischen Status zu geben.

Der Blick von oben: alliertes Aufklärungsfoto aus dem Zweiten Weltkrieg. Quelle: Imperial War Museum

Der Blick von oben: alliiertes Aufklärungsfoto aus dem Zweiten Weltkrieg.
Quelle: Imperial War Museum

Die wirtschaftliche Bedeutung der Borgward-Werke für die Hochrüstung wurde schon ab 1937 deutlich, als die neuen Werke in Sebaldsbrück, die eigentlich Limousinen wie den Hansa produzieren sollten, bereits über 200 Artilleriezugmaschinen herstellten, ein Jahr später 500 Halbkettenfahrzeuge. Torpedo- und Munitionsherstellung folgten. Nach Kriegsbeginn stellte man die Autoproduktion gänzlich ein und fertigte nur noch Kriegsgerät. Neben den Borgward-Werken gab es in Bremen eine ganze Reihe von Betrieben mit rüstungswirtschaftlicher Bedeutung, auch in Hastedt, u.a. die Focke-Wulff-Werke, die im Quintschlag Flugzeugteile herstellten, die Lloyd-Dynamowerke, die Bremer Silberwarenfabrik, Koch & Bergfeld, die Atlas-Werke, die Francke-Werke und natürlich die Werften AG Weser und Vulkan, die Kreuzer und Zerstörer technisch ausrüsteten, Superschlachtschiffe der H-Klasse und 143 U-Boote produzierten.

Das Aufklärungsphoto zeigt deutlich den Weserbogen bei Hastedt. Markiert sind das Weserwehr und das Elektrizitätswerk, die Industrieanlagen entlang der Föhrenstraße und das Borgwardwerk in Sebaldsbrück. Das zweite Foto wurde im März 1945 von der amerikanischen Luftwaffe aufgenommen, um einen sog. „Strategic Bomb Survey“, also einen Überblick über die Resultate der strategischen Bombenangriffe, zu erstellen.

Hastedt in Flammen: US-Luftbild nach einem Bombenangriff im März 1945. Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Hastedt in Flammen: US-Luftbild nach einem Bombenangriff im März 1945.
Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Deswegen sind sie „confidential“, vertraulich. Bei der Luftaufnahme kann man oben den Eintrag „Bremen/Hastedt“ erkennen, links deutlich sichtbar der Hemelinger Hafen, das Hastedter Industriegebiet liegt unter den Rauchschwaden. Der Eintrag in dem Bericht lautet für Focke-Wulf insgesamt:

„FOCKE-WULF FLUGZEUGBAU GmbH CONFIDENTIAL

(2) 26 September 1944. Total loss of production for six weeks, thereafter 50 per cent for undetermined time.

(3) 6 October 1944. Fifty per cent of factory buildings producing spare parts were destroyed.

(4) 13 March 1945. Production on one night shift was interrupted.”

Und für:

„g. Hastedt.

(1) 6 October 1944. 70 per cent of the production facilities destroyed.”

Die Hastedter Produktionsanlagen von Focke-Wulf wurden also am 6. Oktober 1944 zu 70 Prozent zerstört.

Flächenbombardements sollten die Bevölkerung demoralisieren 

Der Krieg berührte Bremen zunächst nur am Rande. Allerdings war klar, dass die Stadt als eine der Rüstungsschmieden des Nazi-Reiches schon bald zum Ziel alliierter Luftangriffe werden würde. Am 24. März 1940 warfen Flugzeuge der Royal Air Force zur Warnung vor einem nahen Luftangriff mehrere zehntausend

Eine Trümmerwüste: Karte von Bremen mit eingezeichneten Bombenschäden nach dem Kriegsende, 26. April 1945.
Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Flugblätter über der Stadt ab, die zu diesem Zeitpunkt etwa 425.000 Einwohner zählte. Nachdem zunächst die Ölraffinerien, Flugzeugwerke und Werften Ziel der Luftangriffe waren, verfolgten die Alliierten bereits ab Herbst 1940 das Ziel, durch Flächenbombardements die Bevölkerung zu demoralisieren. Ab September flogen die Briten regelmäßig Nachtangriffe. Ab Anfang 1943 flog die 8. US-Luftflotte, die so genannte Mighty Eighth, von Basen in Ostengland aus Tagesangriffe gegen Bremer Industrieanlagen. Die schweren Nachtangriffe der Briten häuften sich wieder ab dem 8. Oktober 1943.

Nach und nach glich Bremen immer mehr einem großen Trümmerfeld. Der schwerste Luftangriff des ganzen Krieges traf die Stadt in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944. 273 Flugzeuge warfen 1.120 Tonnen Bomben über dem dicht bebauten Westen der Stadt ab, wobei über tausend Menschen starben. Mit den Luftangriffen vom 26. September 1944 warfen rund 400 Flying Fortresses und Liberator Bomber der U:S. Eighth Air Force fast 1800 Spreng- und fast 58.000 Brandbomben auf industrielle Ziele im östlichen Stadtgebiet Bremens ab. Der Angriff vom 12. Oktober 1944 galt dem erst 1938 eröffneten Borgward-Stammwerk in Sebaldsbrück; im benachbarten Hastedt wurde das Goliath-Werk völlig zerstört. Der letzte Luftangriff der Alliierten auf Bremen am 22. April 1945 traf wiederum Hastedt. Unter anderem wurden dabei über 100 Sprengbomben auf das Weserwehr abgeworfen. Durch die Explosionen sackten die einzelnen Sektoren ab, das Wasser konnte ungehindert ablaufen, der Wasserpegel der Weser stieg stark an, der Wasserstand in der Oberweser sank rasch. Bei diesem Angriff starben 61 Menschen und 76 wurden verletzt.

Stadtplanung nach dem Krieg

Gewerbegebiet Stresemannstraße und „Neue Vahr“ sind zwei Stichworte, die die Entwicklung Hastedts nach dem Kriege nachhaltig beeinflussten. Eine allgemeine Wachstumseuphorie prägte das mentale Klima der 1950er Jahre. Das auch außerhalb Bremens mit großer Neugier verfolgte Neubauprojekt Neue Vahr brachte der

Trümmerfrauen packen an: Wiederaufbau in Hastedt. Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Trümmerfrauen packen an: Wiederaufbau in Hastedt.
Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Hansestadt den durchaus positiv gemeinten Ruf einer „Stadt des sozialen Wohnungsbaus“ ein.

Für Hastedt hatte die Stadterweitung nach Nordosten gravierende Folgen. Der Stadtteil verlor die allerletzten Reste seiner Feldmark und neue Verkehrsadern zerstörten seine gewachsene Struktur. Die gute Konjunktur machte das Leben in den Städten für Neubürger attraktiv, neue Betriebe ließen sich nieder. Durch den massiven Ausbau ihrer wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Infrastruktur trugen die Städte erheblich zu ihrer neuen Anziehungskraft bei.

Der Vorkriegsstand der Einwohnerzahl war in Bremen alsbald erreicht, 1957 wohnten 530.000 Menschen in der Stadt, prognostiziert wurden für die 1960er Jahre 750.000. Neben dem Wohnungsbau mussten die Verkehrsprobleme gelöst werden. Die „autogerechte Stadt“ setzte auf motorisierten Individualverkehr. Alle Planungsmaßnahmen sollten sich dem ungehinderten Verkehrsfluss des Autos unterordnen, das damit zum neuen Maß aller Dinge wurde. Eine verbreitete Tabula-Rasa-Haltung gegenüber dem geschichtlichen Erbe ließ erhebliche Eingriffe in noch erhaltene Bausubstanzen geschehen, wobei teilweise historisch gewachsene Stadtteile willkürlich zerschnitten wurden.

Mit solchen Postkarten machte Hastedt in den 1950er Jahren für sich Werbung. Oben sieht man die neue Straßenführung: schön breit und modern. Da, wo früher die Hofstelle Garbade „Im Felde“ war, ist jetzt das Überlandwerk und die Netzleitstelle Nord mit dem Energieverband Elbe-Weser ansässig. Der Mercedes kommt aus der Steubenstraße, links die Fläche ist noch unbebaut. Im unteren Teil der Postkarte das in den 1980er Jahren abgerissene alte Weserwehr.
Bildvorlage: Schulmuseum Bremen, Sammlung Hastedt

Moderne Mobilitätsbedürfnisse zerstörten das alte Hastedt

Sinn des Konzeptes war es, Städte mit überwiegend engen Straßen und Gassen, die Jahrhunderte vor der Entstehung des Automobils angelegt worden waren, an moderne Mobilitätsbedürfnisse anzupassen, insbesondere um die Erreichbarkeit der Städte für Autofahrer und die Anlieferung von Waren per Lkw sicherzustellen. Wichtige Bestandteile waren u.a. mehrspurige Umgehungsstraßen, Stadtzentren als Fußgängerzonen und einzelne Nachbarschaften, Wohngebiete und Gewerbegebiete verbindende großzügig angelegte Verkehrsachsen. Nicht zuletzt Autobahnzubringer.

All das kann man in Hastedt auf geradezu klassische Weise studieren. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ließ das Amt für Straßen- und Brückenbau auf freiem Feld die Stresemannstraße als Verlängerung der Bismarckstraße, die zudem vierspurig ausgebaut wurde (und die sog. Kleine Bismarckstraße) ablöste, anlegen. In Verbindung mit dem rücksichtslosen Ausbau der Malerstraße und Pfalzburgerstraße als Autobahnzubringer zerriss sie die gewachsene Struktur des Stadtteils.

Das ist eine Luftaufnahme des Hastedter Industriegebiets zwischen Pfalzburger Straße (rechts) und Weser, der Osterdeich quasi in der Mitte. Man sieht hinten links das Weserwehr mit dem Umschaltwerk, und dann zwischen Weser und Osterdeich (von oben nach unten): die Lloyd-Dynamo-Werke (1915), das Elktrizitätswerk und direkt am Wasser die Roland-Werft (1913). Zwischen Osterdeich und Pfalzburger Str. das Hansa-Lloyd Werk (1907 NAMAG, 1914 Hansa-Lloyd, 1932 Borgward, 1948 Goliath), dann die Föhrenstr., die Bremer Carosserie-Werke (1907 Carosserie-Werke Louis Gaertner, 1928 Borgward, 1932 Kaffeerösterei Oetjen, 1948 Borgward Verkausfsgesellschaft) und schließlich die Norddeutsche Waggonfabrik (1907 Norddeutsche Waggonfabrik, 1935 Focke-Wulf Flugzeugbau, 1946 Hansa Waggonbau). Fehlt noch die Großwäscherei Hayungs in der Drakemburger Str., Ende der Pfalzburger Str. und die Tubenfabrik Ketels Am Rosenberg.

Das ist eine Luftaufnahme des Hastedter Industriegebiets zwischen Pfalzburger Straße (rechts) und Weser, der Osterdeich quasi in der Mitte. Man sieht hinten links das Weserwehr mit dem Umschaltwerk, und dann zwischen Weser und Osterdeich (von oben nach unten): die Lloyd-Dynamo-Werke (1915), das Elktrizitätswerk und direkt am Wasser die Roland-Werft (1913). Zwischen Osterdeich und Pfalzburger Str. das Hansa-Lloyd Werk (1907 NAMAG, 1914 Hansa-Lloyd, 1932 Borgward, 1948 Goliath), dann die Föhrenstr., die Bremer Carosserie-Werke (1907 Carosserie-Werke Louis Gaertner, 1928 Borgward, 1932 Kaffeerösterei Oetjen, 1948 Borgward Verkausfsgesellschaft) und schließlich die Norddeutsche Waggonfabrik (1907 Norddeutsche Waggonfabrik, 1935 Focke-Wulf Flugzeugbau, 1946 Hansa Waggonbau). Fehlt noch die Großwäscherei Hayungs in der Drakemburger Str., Ende der Pfalzburger Str. und die Tubenfabrik Ketels Am Rosenberg.

Die Hastedter Heerstraße wurde als Hauptstraße Hastedts entwertet und in zwei Teile geteilt, den Teil hinter der Malerstraße nimmt man als Nicht-Hastedter kaum als Teil des Stadtteils wahr. Das Gleiche gilt für die Fleetrade und den Alten Postweg. Das Gebiet um Plattenheide, Flieder- und Holunderstraße sowie Quintschlag erscheint abgehängt vom alten Dorfkern, der als solcher kaum noch zu erkennen ist. Einsam schaut die alte Dorfkirche auf das vierspurige Treiben auf Bismarck- und Stresemannstraße, die alten Bauernhöfe hat der Krieg zerstört und ihre Spuren sind unter Autohäusern verschüttet.

 

Diethelm Knauf | Schulmuseum Bremen (Hg.): Hastedt – Eine Geschichte in Bildern, 208 S.,
325 Abb. 26 x 21 cm, Hardcover,
Edition Temmen: Bremen 2015
ISBN 978-3-8378-1047-9
Preis: 19,90 Euro

 

 

Jung, aber mit viel Geschichte

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