1000 Jahre Kirche Unser Lieben Frauen: Die alte Ratskirche war bis 1919 auch Garnisonskirche

Der Anblick ist magisch. Niemand kann sich ihm entziehen. Dieses Leuchten, das den Kirchenraum von Unser Lieben Frauen erhellt, sobald Sonnenstrahlen durch die Manessier-Fenster fallen. Dann wird das Innere der alten Ratskirche, die 2020 ihr 1000-jähriges Jubiläum feiern kann, in ein Prisma aus Regenbogenfarben getaucht. Nicht von ungefähr trug eine Ausstellung in den Museen Böttcherstraße den Titel „Licht, das singt“, dokumentiert in dem gleichnamigen Buch. Einfach nur schauen, staunen, zur Ruhe kommen. Die Hektik der Innenstadt hinter sich lassen.

„Das ist ein perfekter Ort der Entschleunigung im Herzen der Stadt“, betont denn auch Sebastian Renz, seit sechs Jahren einer von drei Pastoren an der Liebfrauenkirche. Und Pastor Stephan Kreutz, der vor fünf Jahren nach Bremen kam, fügt hinzu: „Die Manessier-Fenster gelten als größtes flächendeckendes Gesamtkunstwerk Norddeutschlands, wenn nicht Deutschlands“. Gemeinsam mit seiner Kollegin Gesche Gröttrup, seit 16 Jahren Pastorin an der Liebfrauenkirche, hebt er den ökumenischen Gedanken hervor, dass in diesem weltoffenen Gotteshaus jeder Mensch, egal welcher Konfession, willkommen ist. „Wir wünschen uns, den Menschen für ihren Lebensweg Impulse zu geben, die wichtig sind, sie stärken und ermutigen“, betont er.

Erforschten die Geschichte der Liebfrauenkirche (v. l.): Pastor Sebastian Renz, Pastor Stephan Kreutz, Pastorin Gesche Gröttrup, Reinhard Groscurth und Werner Schmalenberg.
Foto: Karsten Klama

Licht, das singt

So gebe es auch Muslime, die in der Kirche ihren Gebetsteppich ausrollten, sagt Gröttrup. Von diesem ökumenischen Gedanken der Völkerverständigung getragen war Anfang der 1960er-Jahre auch die Entscheidung der Gemeinde, den Maler Alfred Manessier und seine Glasmeister Lorin und Hermet aus Chartres neue Glasfenster in die Kirche einbauen zu lassen. Manessier, den katholischen Franzosen!

Nur vier der sonst abstrakten Fenstermotive weisen theologische Themen auf, wie das „Pfingstereignis“ im Chor oder die Weihnachtsgeschichte in der Marien-Rosette auf der Empore. „Diese Geste der Aussöhnung bewegt mich bis heute tief“, sagt Reinhard Groscurth, der in der Kirche am 2. April 1945 konfirmiert wurde. Gemeinsam mit Werner Schmalenberg ist er hier ehrenamtlicher Archivar. Schon sein Großvater gleichen Namens war Pastor an der Liebfrauenkirche. Nach Maria wurde übrigens um 1229 im Zuge des von Bischof Gerhard II. initiierten frühgotischen Neubaus die vormalige St.-Veit-Kirche benannt.

Das Verhältnis zu den Franzosen war allerdings nicht immer so entspannt. Durch die französischen Besatzer, die Bremen dem Kaiserreich Napoleons einverleibten, war die älteste reformierte Gemeinde Bremens zeitweilig in ihrer Existenz bedroht und in Notre Dame à Brème umgetauft worden. Auf einer Bremen-Karte von 1705 ist zu sehen, dass die Ratskirche auf dem Liebfrauenkirchhof von einem Gräberfeld umgeben war. Dieser Friedhof wurde in napoleonischer Zeit geschlossen und auch die bis dahin üblichen Bestattungen in der St. Veit-Kapelle der Kirche wurden aus hygienischen Gründen verboten.

Heute ist die Liebfrauenkirche ein weltoffenes Haus. Bemerkenswert, dass die Ratskirche von 1867 bis 1919, also auch während der Kriege gegen den sogenannten „Erbfeind“ Frankreich, wie es die Deutschen damals formulierten, als Garnisonskirche des Infanterie-Regimentes Bremen diente. Schon von jeher war sie die angestammte Kirche des Rates und später der Bremischen Bürgerschaft. Bis heute wird für deren Mitglieder einmal pro Monat hier ein Gottesdienst abgehalten. Und bis 1909 war hier auch die Trese-, also die Schatzkammer des Bremer Senates untergebracht.

Wurde 1909 eingeweiht: das Moltke-Denkmal am Nordturm der Liebfrauenkirche.
Foto: Jochen Stoss

Gedenkstätte für gefallene Soldaten

Im selben Jahr wurde das Reiterstandbild des Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke eingeweiht. Auch hierin spiegelt sich die Tradition der Garnisonskirche. Fünf Jahre zuvor hatte sich die Kirchengemeinde mit dem Plan des Senats und der Bürgerschaft einverstanden erklärt, den Platz auf dem nördlichen Teil des Liebfrauenkirchhofs auszuschmücken und neu zu gestalten. Möglich wurde das durch das Testament des Bremer Bankiers Bernhard Loose, der der Stadt 75 000 Reichsmark zur Errichtung eines Denkmals „des großen General-Feldmarschalls und noch größeren Menschen Moltke“ vermachte. In der Jury des Wettbewerbs saßen unter anderem Gustav Pauli und Alfred Lichtwark, die Leiter der Bremer und Hamburger Kunsthallen. Der Münchner Bildhauer Professor Hermann Hahn bekam schließlich den Zuschlag.

20 Jahre später war die Kirchengemeinde gezwungen, den Liebfrauenkirchhof für 120 000 Reichsmark an die Stadt zu verkaufen, um die dringend notwendigen Renovierungsarbeiten am Nordturm finanzieren zu können. Apropos Garnisonskirche: 1924 wurde die ehemalige Tresekammer zu einer Gedächtniskapelle für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges der Liebfrauen-Gemeinde umgebaut. Am Totensonntag 1950 wurde in der Vorhalle auch eine Gedenkstätte für die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges eingeweiht. Die Räumung und notdürftige Reparatur der Anfang Oktober 1944 im Feuersturm verwüsteten Kirche konnte relativ zügig erfolgen, weil die Amerikaner das Gotteshaus selbst als ihre Garnisonskirche nutzen wollten.

Der Bau der Liebfrauenkirche aus Holz von heiligen Hainen, den der Bremer Erzbischof Unwan 1020 veranlasste, sollte zu einem Meilenstein in der Kirchengeschichte des damals wohlgemerkt noch katholischen Bremens werden. Sie war die erste Pfarrkirche der Hansestadt. 1524 wurde der Niederländer Jacobus Probst, ein Freund Luthers, hier erster evangelischer Pfarrer Bremens. Kurze Zeit später wurden auf Martin Luthers Anregung hin Armenkisten eingerichtet. Die damals begonnene Diakonie wird bis heute etwa mit der Winterkirche für obdachlose Menschen in der Liebfrauenkirche fortgesetzt.

Ein besonderer Durchblick: Glasfenster des französischen Malers Alfred Manessier in der Liebfrauenkirche.
Foto: Karsten Klama

Mein Bremen 4

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