Tankstelle im Parkhaus Balgebrückstraße: Fotonachlass des Pächterehepaars Weber gewährt Einblicke in das Bremen der späten Kaisen-Jahre

Vom Dach des Parkhauses der Baumwollbörse geht der Blick in Richtung Domsheide. Doch die Balgebrückstraße wirkt merkwürdig nackt, es fehlen die Straßenbahngleise. Zahlreiche Fotos des Pächterehepaars Weber dokumentieren die Geschichte der Esso-Tankstelle an der Balgebrückstraße – von der freistehenden Station bis zum integralen Bestandteil der 1961 eröffneten Hochgarage. Und zeigen ganz nebenbei die Entwicklung der Balgebrückstraße zu einer zentralen Verkehrsachse der Bremer Innenstadt.

von Frank Hethey

Bei diesen Fotos traut man seinen Augen kaum. Nehmen wir nur die Straßenansicht vom Parkhaus an der Baumwollbörse, scheinbar ein gewohntes Bild. Doch irgendetwas stimmt damit nicht, das Gebäude wirkt bei weitem nicht so wuchtig wie es einem heute vor Augen steht. Höchst gewöhnungsbedürftig auch der Blick vom obersten Parkdeck in Richtung Domsheide. Von Straßenbahngleisen ist da nichts zu sehen, stattdessen nur eine schmale Fahrbahn und daneben ein großer Parkplatz.

Da fehlt doch was: keine Straßenbahngleise weit und breit beim Blick vom Dach des Parkhauses an der Balgebrückstraße in Richtung Domsheide.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

Noch irritierender ein Schnappschuss von Tankstellenmitarbeitern vor ihrem Arbeitsplatz, der Esso-Station an der Balgebrückstraße. Biegt doch direkt hinter ihnen eine Straßenbahn links ab. Erst beim zweiten Blick geht einem auf, dass sie nicht wie heute von der Domsheide in Richtung Rathaus fährt, sondern hinein in die enge Marktstraße vorbei an der Baumwollbörse. Vermeintlich Altbekanntes entpuppt sich bei näherem Hinsehen als optische Täuschung.

Die beeindruckende Fotoserie stammt aus dem Nachlass von Günter Weber, des früheren Pächters der Esso-Station Baumwollbörse. Zusammen mit seiner Frau Ilse hatte er die Esso-Station in den späten 1950er Jahren übernommen, damals noch als freistehenden Flachbau. Beim Bau des Parkhauses Baumwollbörse 1960/61 wurde die Tankstelle dann in den Neubau integriert.

Den Bauprozess und das fertige Gebäude fotografisch dokumentiert

Den Bauprozess wie auch das fertiggestellte Gebäude hat das Ehepaar Weber mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißfotos dokumentiert. „Sie haben viel fotografiert und auch gefilmt“, sagt ihre Nichte Bärbel Jonas, in deren Besitz sich die Bilder heute befinden. Kein Wunder, dass dabei auch die nähere Umgebung vor die Kamera geriet. Weshalb die Fotos als beeindruckende Momentaufnahmen aus dem Bremen der späten Kaisen-Jahre gelten können.

Und ab in die Marktstraße: ein Schnappschuss der Esso-Mitarbeiter um 1962 – mit der abbiegenden Straßenbahn im Hintergrund.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

Doch nicht nur die Zeit um 1960 findet sich in den Weber-Fotos wieder. Vermutlich vom Vorgänger hat das Pächterehepaar ältere Bilder erhalten. Ebenso faszinierende Aufnahmen von der Tankstelle aus den frühen Nachkriegsjahren. Schon allein die altertümlichen Zapfsäulen und die Oldtimer lohnen eine nähere Betrachtung. Und wieder eröffnen sich eher zufällig Ausblicke auf die unmittelbare Nachbarschaft. Etwa auf die Trümmerlandschaft auf der gegenüber liegenden Seite der Balgebrückstraße.

Freilich haben nicht erst der Zweite Weltkrieg und die Aufbaujahre ihre Spuren im Block zwischen Wachtstraße und Balgebrückstraße hinterlassen. Nur allzu gern wird übersehen, dass die historistischen Monumentalbauten aus den späten Jahren des Kaiserreichs ohne die geringste Rücksicht auf gewachsene Strukturen hochgezogen wurden. Für die fast zeitgleich errichteten Gebäude der Baumwollbörse und der kaufmännischen „Union“ musste zu Beginn des 20. Jahrhunderts die gesamte Bebauung an der Ostseite der Wachtstraße weichen. Ein rigoroser, ganz und gar unsentimentaler Eingriff in die damalige Altbausubstanz.

Beim verheerenden Bombenangriff vom 6. Oktober 1944 wurde das Unionsgebäude zerstört und die Baumwollbörse schwer beschädigt. Erhalten blieb indessen die Handelsschule der Union, die sich in rückwärtiger Nachbarschaft zum Hauptgebäude an der Balgebrückstraße 31 befand. Auf den Fotos der Webers ist das auffällige Bauwerk gleich neben dem Parkhaus zu sehen.

Noch freistehend und ohne Dach: die Tankstelle an der Balgebrückstraße im Jahre 1948.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

Schon früher ein Parkplatz- und Tankstellenstandort

Als Parkplatz- und Tankstellenstandort kann die Westseite der Balgebrückstraße auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg befanden sich am Standort des heutigen Parkhauses ein Parkplatz und auch eine Tankstelle. Um den dafür nötigen Platz zu schaffen, wurde 1935 die gesamte Häuserzeile zwischen Marktstraße und Handelsschule abgerissen.

Im Mai 1936 feierte man dann die Einweihung des Parkplatzes. Eine Tankstelle an der Ecke Marktstraße/Balgebrückstraße, aufgeführt als „Tankstelle der Baumwollbörse“, ist auf einem Foto aus dem Bestand des Staatsarchivs zu sehen. Im März 1941 wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff schwer beschädigt.

Tabula rasa für den Bau von Baumwollbörse und Unionsgebäude: nur an der westlichen Seite der damals noch doppelt geknickten, weil dem früheren Verlauf der Balge folgenden Balgebrückstraße blieb die Altbausubstanz erhalten, an der östlichen Seite der Wachtstraße wurde sie komplett entfernt – deutlich zu sehen auf einem Stadtplan von 1915.
Bildvorlage: Peter Strotmann

An gleicher Stelle errichtete man nach Kriegsende einen großzügiger angelegten Nachfolgebau. Mehrere Aufnahmen aus dem Weber-Nachlass zeigen die Tankstelle aus verschiedenen Perspektiven. Anfangs noch ohne, später dann mit Überdachung. Im Hintergrund ist ein eingeschossiger Klinkerbau aus Vorkriegszeiten erkennbar. Und der beherbergte neben Garagen eine Filiale der Selbstfahrer-Union, einst die größte Autovermietung Deutschlands. Vielen Menschen dürfte das Unternehmen noch als InterRent (seit 1974) ein Begriff sein, heute gehört es zur französischen Europcar-Gruppe.

Diese Geschäftsstelle leitete seit Mitte der 1950er Jahre Günter Weber. Gebürtig stammte er ebenso wie seine Frau aus dem Kreis Neustettin in Pommern. Gleich nach der Schule sei er als blutjunger Mann in den Krieg eingezogen worden, berichtet seine Nichte Bärbel Jonas. „Deshalb konnte er keine Berufsausbildung absolvieren.“ Doch Weber ließ sich nicht unterkriegen, als Torfstecher arbeitete er in Ostfriesland, als Straßenbahnschaffner in Hamburg. Und dann die Chance in Bremen. „Bis nach Italien hat er Autos überführt.“ Als für die benachbarte Esso-Tankstelle ein neuer Pächter gesucht wurde, schlug Weber ein.

Die Kriegszerstörungen passten den Stadtplanern gut ins Konzept

Gleichwohl dürfte er gewusst haben, dass Veränderungen bevorstanden. Der Verkehrslinienplan von 1948 sah vor, die Balgebrückstraße als Teil der Ostumgehung des Marktplatzes massiv auszubauen. Konkret hieß das, sie zu begradigen und störende Bebauung zu entfernen. Ein Vorhaben, das zur „Neuerfindung“ der Innenstadt nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte. Die Stadtplaner machten überhaupt keinen Hehl daraus, wie gut ihnen die Kriegszerstörungen ins Konzept passten. Nicht nur beim Wohnungsbau, sondern auch bei der Neustrukturierung der Verkehrsachsen. Ein Beispiel dafür ist der Martini-Durchbruch.

Filigrane Dachkonstruktion: die alte Esso-Tankstelle an der Ecke Balgebrückstraße/Marktstraße, ein Bau aus den frühen Nachkriegsjahren. Hinten rechts: die Filiale der Selbstfahrer-Union.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

Zu diesem Gesamtpaket gehörte auch der Neubau der Großen Weserbrücke, heute Wilhelm-Kaisen-Brücke. Die Vorgängerbrücke war nach dem Krieg nur provisorisch wiederhergestellt worden, eine wirkliche Zukunft hatte sie nicht. Etliche Jahre fuhr die  Straßenbahn noch über die ein kleines Stück stromabwärts gelegene alte Brücke und dann durch die Wachtstraße zum Markt. Doch ab Dezember 1960 wechselte sie auf die neue Brücke und folgte dem Verlauf der Balgebrückstraße.

An der Domsheide kam die Straßenbahn jedoch nicht an. Vielmehr verlief die Route nur bis zur Höhe des neuen Parkhauses und schloss dann an den an den alten Gleiskörper durch die Marktstraße zum Marktplatz an. Erst im November 1965 wurde die Haltestelle vom Markt zur Domsheide verlegt und damit die Gleisführung durch die Marktstraße aufgegeben. Eine Maßnahme, die der Entlastung und Verkehrsberuhigung des Marktplatzes dienen sollte. Seither fährt die Straßenbahn auf schnurgerader Strecke von der Weserbrücke bis zur Domsheide.

Die Straßenbahn stand in den Nachkriegsjahren auf der Kippe

Als Dauerlösung war indes auch diese Streckenführung nicht vorgesehen, zumal der Erhalt des Straßenbahnbetriebs keineswegs eine abgemachte Sache war. Die Straßenbahn als öffentliches Nahverkehrsmittel hatte damals einen schweren Stand, sie galt als nicht mehr zeitgemäß und stand vielerorts auf der Kippe. So auch in Hamburg, wo der Senat 1958 die Stilllegung des gesamten Streckennetzes beschloss. Im Falle Bremens enthielt das Lambert-Gutachten aus dem gleichen Jahr zwar ein Bekenntnis zur Straßenbahn, aber nur in den Außenbereichen der Stadt.

Der Fertigstellung entgegen: der Rohbau des neuen Parkhauses, dahinter der eingerüstete, weil gekappte Mittelflügel der Baumwollbörse.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

Der Altstadtbereich sollte praktisch komplett untertunnelt werden, wobei einer von drei Tunneln in der Balgebrückstraße münden sollte. Zwei weitere Gutachten von 1967 und 1970 brachten sogar U- und S-Bahnlinien ins Gespräch, die aber wegen viel zu hoher Investitionskosten politisch nicht durchsetzbar waren.

Mit anderen Worten, auch nach Beseitigung der größten Kriegsschäden blieb Bremen eine Großbaustelle – dem Wiederaufbau folgte der Neuaufbau.

Im Februar 1960 teilte Weber seinen Kunden mit, im Zuge der neuen Straßenführung müsse die Esso-Station an der Baumwollbörse „vorübergehend abgebrochen“ werden. Im gleichen Atemzug drückte er aber seine Hoffnung aus, den Betrieb am gleichen Ort „nach Jahresfrist an der neu errichteten Anlage“ wieder aufzunehmen.

Ein geschickter Schachzug: Die Baumwollbörse nutzte die Sperrung der Balgebrückstraße, um am etablierten Parkplatz- und Tankstellenstandort eine Hochgarage zu errichten, die im Erdgeschoss eine neue Esso-Station als „Bremens größte überdachte Tankstelle“ beherbergen sollte. Dafür „opferte“ die Baumwollbörse sogar eine vorspringende Ecke des alten Mittelflügels. Denn die relativ schmale Grundfläche reichte für das 80 Meter lange und 22 Meter tiefe Parkhausgebäude nicht aus.

Eine „großzügige, moderne Tankstelle“ mitten in der City

Was aber wurde aus Weber, wie überbrückte er die Bauzeit von mindestens einem Jahr? Er hatte vorgesorgt, vorübergehend übernahm er die Esso-Station an der Kurfürstenallee/Ecke Metzer Straße. Allerdings verzögerte sich seine Rückkehr an den alten Standort. Nicht schon nach einem Jahr, sondern erst im Juni 1961 konnte er mit seinem siebenköpfigen Team den Betrieb an der Balgebrückstraße wiederaufnehmen. Anders als angekündigt hatte die Tankstelle auch nur fünf statt zehn Zapfsäulen. Dennoch verkündete Weber den Neustart mit einer gehörigen Portion Stolz. „Mitten in der City der Stadt Bremen“ stehe jetzt eine „großzügige, moderne Tankstelle“ bereit. Mit „bewährtem Personal“ werde er sich bemühen, alle Kundenwünsche zu erfüllen. Der besondere Clou: „In Kürze werde ich sogar eine automatische Waschanlage einbauen lassen.“

Endlich fertig: das neue Parkhaus der Baumwollbörse im Hochsommer 1961.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

Diese frühen Jahre hat seine Nichte Bärbel Jonas noch gut in Erinnerung. Als kleines Mädchen kam sie ab 1962 öfter mal aus Hamburg, um Onkel und Tante in Bremen zu besuchen. „Gefühlt“ seien das mehrere Wochen pro Jahr gewesen. Für sie ein großes Abenteuer, immerzu sei sie in der Tankstelle zugange gewesen. „Ich habe fleißig geholfen, die Fensterscheiben zu putzen, die Quittungsblocks zu stempeln und vielleicht auch mal im Weg rumzustehen“, erinnert sich die 56-Jährige.

Als besondere Highlights stehen ihr die abendlichen Kontrollgänge über die Tankstelle und die Parkdecks sowie die frühmorgendliche Ankunft des Tankwagens vor Augen. Kaum weniger aufregend für das kleine Mädchen, wenn es zum Taubenfüttern auf den Marktplatz ging. „Dafür wurde in einem kleinen Häuschen Mais verkauft.“ Und dann erst die Schließfächer der Post: „Alles hat immer so schön geglitzert!“ Unvergessen auch der als Pausenraum genutzte Raum neben der Abfahrt zur Tiefgarage. „Dort habe ich öfter meinen Nachmittagsschlaf gemacht und mich erfolgreich gegen Spinat und Spiegelei gewehrt.“

Im Sommer 2002 wurde das Parkhaus um zwei Etagen aufgestockt

Vor 50 Jahren war aber Schluss mit den Ausflügen nach Bremen, weil das Ehepaar Weber 1966 trotz gutlaufender Geschäfte nach Hamburg zurückkehrte. Der vormalige Pächter verdiente sein Geld fortan als selbstständiger Taxifahrer und half im Klempner- und Installationsbetrieb seines Schwagers aus, des Vaters von Bärbel Jonas. Derweil arbeitete Ilse Weber im Büro mit. „Sie hatte ja die Volksschule und eine Art Handelsschule in Neustettin besucht“, sagt ihre Nichte.

Und warum wirkt die Hochgarage heute so viel wuchtiger? Ganz einfach weil die Hochgarage im Sommer 2002 im Rahmen eines großangelegten Umbaus um zwei Etagen aufgestockt wurde. Insgesamt investierte die Baumwollbörse drei Millionen Euro, um das Bauwerk attraktiver zu gestalten. Galt es doch als Schandfleck im Innenstadtbereich. Noch heute ist auf der Homepage des Bremer Bausenators zu lesen, das Parkhaus habe als „reine Zweckarchitektur für Autos“ viele Jahre lang „zu den hässlichsten Bauten der Stadt“ gehört. Schon damals gab es die Tankstelle nicht mehr, nun sollte die schmucklose Betonfassade aufgewertet und Platz für neue Mieter geschaffen werden. Heute befinden sich im abgerundeten Eckbereich zur Marktstraße auf sämtlichen Etagen Büroräume, im Erdgeschoss unterhält die Bremer Straßenbahn AG als „Ankermieter“ ihr Kundenzentrum.

Ein ungewohntes Bild: Blick auf das noch ziemlich flache Parkhaus an der Balgebrückstraße in den frühen 1960er Jahren. Im Hintergrund die heute verdeckten Flügel der Baumwollbörse. Der mittlere, weiß getünchte Flügel musste für den Bau der Hochgarage gekappt werden. Links daneben: die frühere Handelsschule der Union.
Bildvorlage: Bärbel Jonas/Fotonachlass Weber

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