Noch nach 1945 in Gebrauch: Dienstfahrrad der SA.
Quelle: Schulmuseum Bremen/Peter Strotmann

Kurioses Exponat im Bremer Schulmuseum

Bei einem Besuch des Bremer Schulmuseums entdeckte ich ein auf den Sattel und Lenker gestelltes Fahrrad. Im Prinzip handelt es sich um ein normales Fahrrad aus den 1930er Jahren: Ledersattel, Hebelbremse am Vorderrad, Werkzeugtasche, keine Gangschaltung. Das ist eigentlich nichts Besonderes …

Bis ich das Schild an der Wand entdeckte, auf dem zu lesen war: Dienstfahrrad der SA, noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg in Gebrauch.

SA? Da betrachtete ich das Rad genauer. Und tatsächlich, der Zahnkranz des Tretlagers hat fünf Aussteifungen bei dem jeweils die Buchstaben S und A aufeinander gesetzt sind.

SA? Das war die Abkürzung für Sturmabteiluung, eine paramilitärische Kampforganisation der Nationalsozialisten (NSDAP) während der Weimarer Republik. Sie war zusammen mit der SS (Schutzstaffel) berüchtigt für Saal- und Straßenschlachten. 1933, nach der Machtübernahme war sie das stärkste Machtmittel des nationalsozialistischen Regimes. Im internen Machtkampf wurde die SA-Führungsspitze Mitte 1934 durch SS-Einheiten ermordet. In den folgenden Jahren wurde die Bedeutung der SA geringer.

In Bremen hatte die SA „Gruppe Nordsee“ ihren Sitz.

SA „Gruppe-Nordsee“: 1934 bis 1945 im Haus Hollerallee 75

Das Haus an der Hollerallee 75 kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken: Auf die Bankiersfamilie Müller-Schall folgte die SA-Gruppe Nordsee, heute residiert das „forum Kirche“ in dem Gebäude.
Foto: Frank Hethey

1934 übernimmt die für den Weser-Ems-Raum zuständige SA „Gruppe Nordsee“ mit ihrem Stab das Haus Hollerallee 75. Die Sturmabteilung steht ab 1935 unter der Führung des als rabiat bekannten Eutiner Juristen Heinrich Böhmcker. Weil er oft in Schlägereien verwickelt ist, wird er auch „Lattenheini“ genannt. Dennoch wird er 1937 Regierender Bürgermeister von Bremen.

Am 9. November 1938 nimmt er eine Schlüsselrolle in der sogenannten „Reichskristallnacht“ (mehr zu den Ereignisen in Bremen hier) ein: Aus München ruft er von einem NSDAP-Treffen um 22.30 Uhr im Haus Hollerallee 75 an und übermittelt dem ehrenamtlich Dienst habenden 27-jährigen Oberführer Werner Römpagel einen Befehl:

„Sämtliche jüdischen Geschäfte sind sofort von SA-Männern in Uniform zu zerstören …. Jüdische Synagogen sind sofort in Brand zu stecken, jüdische Symbole sind sicherzustellen. Die Feuerwehr darf nicht eingreifen. . .. Der Führer wünscht, dass die Polizei nicht eingreift. Sämtliche Juden sind zu entwaffnen. Bei Widerstand sofort über den Haufen schießen ….“

Ein historischer Telefonapparat auf einer Granitsäule erinnert an den verhängnisvollen Anruf, der am späten Abend des 8. November 1938 in der Hollerallee 75 einging.
Foto: Frank Hethey

Römpagel und der 28-jährige Sturmführer Arthur Groß setzen eine verhängnisvolle Telefonkette in Gang: Sie rufen bei der Bremer SA in der Kohlhökerstraße und im Buntentorsteinweg an, später in Geestemünde, von dort geht der Befehl weiter nach Aumund und Lesum.

Am Ende der Nacht liegt die Synagoge in der damaligen Garten-, heute Kolpingstraße, in Schutt und Asche. Allein in Bremen wurden fünf Menschen ermordet: Adolph Goldberg, Martha Goldberg, Heinrich Rosenblum, Leopold Sinasohn und die Neustädter Fahrradhändlerin Selma Zwienicki.

Ein historisches Telefon, das dem 1938 im Haus Hollerallee 75 verwendeten ähnelt, steht dort im Kaminraum auf einer Granitsäule und soll an die Schrecknisse dieser Nacht erinnern.

Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken

Mit diesem Hintergrundwissen betrachte ich das SA-Dienstfahrrad noch einmal genauer. Wurde es womöglich am Abend des 9. November 1938 eingesetzt? Und dann womöglich noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg benutzt?

Jetzt läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

von Peter Strotmann

 

Kurios: Zahnkranz am Tretlager des SA-Dienstrads mit einem fünf mal verschlungenes SA.
Quelle: Schulmuseum Bremen/Peter Strotmann

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